Ein Blick von Außen. Interview mit Mag. Johann Glück

Mag. Johann Glück
Lebensberater, Coach und Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Arbeit, Beruf und ganzheitliches Personalmanagement.
Von 1988 bis 2018 Personalleiter bei einer großen Unternehmensgruppe, die vergangenen Jahre mit Konzernverantwortung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und einer Praxis am Bezirks- und Landesgericht Salzburg dreißig Jahre lang durchgehend in Führungsfunktionen tätig. Ausbildungen in systemischer Beratung sowie Existenzanalyse und Logotherapie. Vortragender und Seminarleiter, unter anderem auch im Exerzitien- und Bildungshaus Michaelbeuern.


Wie sind Sie mit der Regel Benedikts in Kontakt gekommen?
Vor vielen Jahren hat mir Abt Johannes ein kleines Buch geschenkt mit dem Titel“ Suche den Frieden und jage ihm nach“. Damals war ich auf einer Achterbahn meines Lebensweges unterwegs, mit zahlreichen beruflichen Herausforderungen als Personalleiter und Führungskraft, aber auch als Familienvater. Eines Abends zu einer ruhigen Stunde, blätterte ich in dem Buch. Ich entdeckte Aussagen, deren inhaltliche Bedeutung genau zu meinen damaligen Managementthemen passte.

Was hat Sie dabei zuerst angesprochen?
Das Kapitel VI dieses Buches: „Der Eigenart vieler dienen“ - Die Tugend des Maßes im Dienst an den Menschen. Es sind Aussagen zur Führungsrolle des Abtes und zur Leitung eines Klosters. Es war für mich ein „Aha-Effekt“. Richtig verstanden und in die heutige Zeit übersetzt sind das die wichtigsten Leitlinien für die professionelle Führung von Menschen in sich immer schneller ändernden Umwelten. Diese Mönchsregeln sind etwa 1500 Jahre alt und beschreiben Erkenntnisse für eine wirksame Führungsarbeit, die heute in der Wirtschaftswissenschaft und auch von anerkannten Vordenkern vielfach bestätigt werden. Das ist für mich schon bemerkenswert. In meiner über 30-jährigen Führungspraxis konnte ich viele Ansätze daraus verwirklichen.  

Was erleben Sie, wenn Sie im Kloster zu Gast sind? Welche Gefühle begleiten Sie da?  
Zuallererst berührt mich die große Freundlichkeit bei der Begrüßung und dem Empfang. Ich spüre das Wohlwollen der Mönche bei jeder Begegnung. Da fühle ich mich angenommen. Nach mehrmaligen Aufenthalten in der Abtei Michaelbeuern sind mir in der Zwischenzeit die Tagesstruktur mit den Gebets- und Arbeitszeiten, das Zusammenkommen der Mönche im Refektorium und die freien Zeiträume sehr vertraut. Diese festen Tagesabläufe, die unaufdringliche Schönheit der Klosteranlage, der Räumlichkeiten und der Umgebung sowie die Zeiten der Stille, nur durchbrochen von den periodischen Glockenschlägen, lassen mich zu einer inneren Ruhe und Freude kommen. Übrigens, die Klosterküche kocht himmlisch.

Welche Themen der Benediktusregel sind in der Wirtschaft und Personalführung heute wichtig?
Da gibt es ganz viele Themen, die man sehr gut übernehmen kann. Zuerst sind die Regeln für den Abt und den Cellerar zu nennen. Gerade jetzt, da uns das unvorhersehbare COVID-19-Phänomen in einer blitzartigen Geschwindigkeit mit völlig anderen Rahmenbedingungen konfrontiert hat -  Lockdown, Homeoffice, virtuelles Führen auf Distanz, Kurzarbeit, Geschäftssperren, Sorge um die Gesundheit -werden Unternehmer oder Führungskräfte vor eine echte Bewährungsprobe gestellt. Ich vergleiche diese Situation mit Schlechtwetter-Segeln. Dazu kommt die zunehmende Arbeitslosigkeit von Menschen: Arbeit hat bei der benediktinischen Lebensgestaltung einen hohen Stellenwert. Sinngebende Arbeit hält gesund, das ist auch einer der Kernaussagen in der von Viktor Frankl begründeten Logotherapie. Diskontinuierliche schnelle Veränderungen, komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen sowie Unsicherheit in den Planungen fordern alle Geschäftsführer, Führungskräfte aber auch Betriebsräte heraus. Die Antwort liegt in agilen Organisationsformen, in denen die Menschen anpassungsfähig, selbstorganisiert und reflektiv neue Wege suchen müssen. Aus den benediktinischen Regeln gewinnen wir viele Impulse, die uns in dieser Zeit, übersetzt in die heutige Welt, weiterhelfen können. Nicht zufällig ist ein Baumstumpf, an dem seitlich ein grüner Zweig herauswächst, das Symbol der Benediktiner: „abgehauen ergrünt es neu“. Auch bei Rückschlägen sich nicht in die Knie zwingen lassen, das ist es.

Was melden ihnen die Teilnehmer*innen Ihrer Seminare in Michaelbeuern zurück, wenn sie mit klösterlichen Werten konfrontiert werden?
(Lacht…..) Meistens sind sie überrascht, mit welcher Freude und Leichtigkeit Abt Johannes und ich die durchaus tiefgehenden Lebens- bzw. Berufsfragen erörtern. Wir hören viel Dankbarkeit heraus, für die Möglichkeit des offenen Austausches in einer diskreten Atmosphäre. Wir sprechen auch oft über das Scheitern im Leben oder im Beruf, es einfach anzunehmen und loszulassen, es zum eigenen Leben dazunehmen können, das befreit. Da atmen viele Teilnehmer*innen zustimmend tief aus. Viele finden neue Ansatzpunkte für ein gelingendes Leben, manche stellen ihre Weichen im Leben für die Verwirklichung von neuen Lebenszielen. Begriffe wie Demut, Gehorsam oder Schweigen bekommen eine andere Bedeutung. Die Tugend, immer das rechte Maß für sich zu finden, sorgt oft für ein befreiendes Lachen.     

Wenn Sie jemand fragt, was ist die Faszination der Benediktinischen Lebensart und wo sehen Sie die zukünftige Aufgabe der OSB-Klöster?
Die Regel des Heiligen Benedikt enthält zahlreiche Hinweise, wie das eigene Leben gelingen kann. Ich sehe hier universelle Gesetzmäßigkeiten für das gute Zusammenleben von Menschen und für das Dasein überhaupt. Nehmen wir die stabilitas, die Beständigkeit, als Kernelement spirituellen Lebens: Der Mensch kommt weiter, wenn er bei sich bleibt. Wer zu dem steht, was er sagt, der hebt nicht ab. Einen Standpunkt einnehmen und auch schwierige Lebensphasen durchstehen, die Beständigkeit ist das Fundament, auf dem das Haus des Lebens aufgebaut werden kann. Faszinierend ist für mich, dass diese Erkenntnisse etwa 1500 Jahre alt sind und heute noch immer eine hohe Aktualität für Organisationen beinhalten. Gerade die Flexibilität bei der Umsetzung dieser Regelungen im jeweiligen zeitlichen und örtlichen Kontext, eben „die Kunst das rechte Maß zu finden“, hat auf mich hohe Anziehungskraft. Die Benediktusregel berührt den Umgang mit der Schöpfung, das Verhältnis von Menschen zur Natur, unsere psychische Gesundheit sowie die wertschätzende Haltung, die wir Menschen in ihrer Andersartigkeit entgegenbringen. Diese geistigen Schätze zu bewahren und vorzuleben, den Inhalt der Regel in die jeweilige Zeit zu übersetzen sowie Lernräume zu schaffen, in denen sich Menschen in Zukunft damit auseinandersetzen können, das sind schon einige konkrete Bilder einer Vision für die benediktinischen Klöster.