Der besondere Blick
Im Osterpfarrbrief unserer Pfarre ist ein interessanter Brauch beschrieben, der sich in einigen französischen Dörfern erhalten hat: Wenn am Ostersonntag in der Frühe zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene zum Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit dem kühlen und klaren Brunnenwasser.
Man wird das heuer bei uns wegen der Kälte nicht so ausprobieren können, aber vorstellen kann man es sich trotzdem gut: Wenn das erfrischende Wasser den Schlaf aus den Augen wäscht, von Staub und Pollen reinigt und wieder klar sehen lässt – da schaut die Welt ganz anders aus.
Und ganz ähnlich wird es auch zu Ostern gewesen sein, da durften Menschen beginnen, ganz anders und ganz Anders zu schauen. Von Johannes heißt es im Osterevangelium (Joh 20, 8): „Er sah und glaubte“. Und obwohl sein Kollege Petrus genau am selben Ort war, hat er so offensichtlich nicht sehen und glauben können. Es muss ein anderer Blick, einen tiefere Einsicht gewesen sein, die den einen Jünger an die Auferstehung glauben ließ. Und auch alle anderen Zeugen haben mehr als einmal hinschauen müssen, um den Auferstandenen zu sehen: im Gärtner, im Begleiter, in dem, der das Brot bricht, den Fisch teilt…
Es ist dieser geschenkte Osterblick, der mehr sehen lässt als normal üblich, der auch in den scheinbar einfachen Dingen und Begegnungen etwas vom unvergänglichen Leben erahnen lässt, das Gott schenkt und das bei ihm nicht verlorengeht. Ich wünsche uns von Herzen diesen österlichen Blick!
Die Erde ist mit Himmel vollgepackt,
ein jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott. -
Aber nur der, der es sieht, zieht die Schuhe aus.
Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren.
Elizabeth Barrett Browning
Habemus et sumus
„Wir sind Papst!“ – so titelte bekanntlich ein deutsches Boulevardblatt vor knapp 8 Jahren, als Joseph Ratzinger zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde. Mit dieser Schlagzeile wurde die euphorische Stimmung vieler seiner Landsleute auf den Punkt gebracht, andererseits erregte genau das bei nicht wenigen Widerspruch.
Doch passt das überhaupt? Sind wir Papst?
Wenn ein Papst gewählt ist, wird er auf der Loggia des Petersdomes mit den berühmten Worten angekündigt: „Habemus papam“, das heißt: „Wir haben einen Papst!“ - Wir sind es nicht, wir haben ihn. Und es ist gut, dass wir ihn haben. Die Weltkirche, das worldwide web des Glaubens, braucht nicht nur eine Integrationsfigur und ein Gesicht in der globalen Wahrnehmung, sondern auch einen verantwortlichen Leiter, damit Glaubensgemeinschaft verbindlich gelebt und geordnet werden kann. Und wie das 2. Vatikanum sehr betont hat, wird es auch die Kollegialität der Bischöfe in der Leitung der Weltkirche brauchen, denn einer allein kann diese Aufgabe nicht stemmen. Nur so können die vielen Stimmen und die berechtigen Anliegen auch gehört und im Blick auf die Gesamtinteressen auch umgesetzt werden.
Es ist ein Segen, dass in der Weltkirche die Einheit gelebt werden kann. Wer immer in Rom war, wird diese Faszination des Zusammenkommens der Völker, das Miteinander des Glaubens gespürt haben. So ist es die Hauptaufgabe des Papstes, Brückenbauer für diese Einheit zu sein.
Wir haben also in Kürze wieder einen Papst. Wir sind es nicht, brauchen es auch nicht sein. Aber wer oder was sind wir dann?
Wir sind Christen! Das ist die erste Berufung aller, die getauft sind. Gerade die Fastenzeit lädt dazu ein, die Grundlagen dieses Christseins wieder zu üben und sich darauf zu besinnen.
Zuerst heißt Christsein, mit diesem Christus verbunden zu sein und das Wagnis einzugehen, seine Botschaft heute zu leben. Fasten kann dazu eine Hilfe sein, innerlich Platz zu machen, um Wesentliches wieder mehr zu erspüren und Zeit und Raum für sein Evangelium zu haben.
Echter Glaube wird auch durch Taten der Nächstenliebe wirksam. Fasten heißt aufmerksam werden auf die Mitmenschen, Gesten des Verständnisses und konkrete Taten der Unterstützung zu setzen.
Und wenn es heuer in der Fastenzeit heißt: „Habemus Papam“, so könnte man mit Überzeugung dazu fügen: „Et sumus Christiani!“ – „Und wir sind Christen!“
Als Papst ist der Neugewählte Bischof von Rom und Bischof der Welt. Für seinen Dienst gilt das Wort des hl. Augustinus: »Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof. «
Ein Bruder wie dieser
Zum Weihnachtsfest gehören Geschichten dazu, Zeit zum Erzählen und Zuhören, um immer wieder neu zu verinnerlichen, was Gott uns in seiner Menschwerdung geschenkt hat.
Kürzlich habe ich folgenden Text von Dan Clark entdeckt, die mich sehr angesprochen hat:
Mein Freund Paul bekam von seinem Bruder zu Weihnachten ein Auto geschenkt. Als Paul am Nachmittag des Heiligen Abends sein Büro verließ, sah er, wie ein Gassenjunge um sein nagelneu blitzendes Auto herumschlich. Er schien echt begeistert davon zu sein. „Ist das Ihr Auto, Mister?", fragte er. Paul nickte. „Ja, mein Bruder hat es mir zu Weihnachten geschenkt." Der Junge blieb wie angewurzelt stehen: „Wollen Sie damit sagen, Ihr Bruder hat es Ihnen einfach so geschenkt, und sie haben nichts dafür bezahlt? Mensch, ich wünschte ..." Er zögerte. Natürlich wusste Paul, was der Junge sich wünschen würde. Er würde sich wünschen, auch so einen Bruder zu haben. Aber was er sagte, kam für Paul so überraschend, dass er seinen Ohren nicht traute. „Ich wünschte mir", fuhr der Junge fort, „ich könnte auch so ein Bruder sein." Paul sah den Jungen an - und fragte ihn spontan: „Hast Du Lust auf eine kleine Spritztour mit meinem neuen Auto? Das wär' echt toll, Mensch!" Nachdem sie eine kurze Strecke gefahren waren, fragte der Junge mit glühendem Augenaufschlag: „Mister würde es Ihnen was ausmache, bis zu unserer Haustür zu fahren? Paul schmunzelte. Er glaubte zu wissen, was der Bursche wollte. Er wollte seinen Nachbarn zeigen, dass er in einem großen neuen Auto nach Hause gefahren wurde. Aber Paul irrte sich ein zweites Mal. „Könnten Sie da kurz halten, wo die beiden Stufen enden?" fragte der Junge. Er lief die Stufen hinauf. Nach kurzer Zeit hörte Paul ihn zurückkommen. Aber er kam nicht schnell gerannt. Der Junge trug seinen verkrüppelten kleinen Bruder. Er setzte ihn auf der untersten Stufe ab, und dann beugte er sich zu ihm hinunter: „Da ist es, Bruderherz, genauso wie ich es Dir oben gesagt habe. Sein Bruder hat es ihm zu Weihnachten geschenkt, einfach so. Und eines Tages werde ich Dir auch eins schenken, genauso eins wie das hier ... und dann kannst du dir all die schönen Sachen in den Weihnachts-Schaufenstern selbst ansehen - und brauchst sie dir nicht mehr von anderen beschreiben zu lassen. Paul stieg aus und hob den kleinen Burschen auf den Beifahrersitz. Mit glänzenden Augen setzte sich sein großer Bruder neben ihn - und die drei machten sich auf zu einem Weihnachtsausflug, den keiner von ihnen jemals vergessen würde.
- Einen Bruder wie diesen hat uns Gott geschenkt, der uns gezeigt hat, wie reich ein Leben wird, das sich für andere verschenkt.
Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihr
Abt Johannes Perkmann OSB
Erfolgreich untergehen
Wenn in den letzten Wochen viel von Welt-Untergangsszenarien die Rede ist, dann hat das nicht nur mit der Weltklimakonferenz oder gar mit dem Mayakalender zu tun.
Auch die adventlichen Schrifttexte reden immer wieder von der Bedrohung dieser Welt und von ihrer Vergänglichkeit. Das wird nicht betont, um damit der Panik das Wort zu reden oder mit der Angst Geschäfte zu machen, sondern um aufzuwecken und aufzurütteln. Nach Jered Diamond, einem US-Forscher, der sich mit den Zusammenbrüchen von Gesellschaften beschäftigt hat, liegt eine Ursache des Untergangs einer Zivilisation in der Unfähigkeit der Bevölkerung, Probleme wahrzunehmen bzw. angemessen darauf zu reagieren. Die Menschen gewöhnen sich an den Untergang und tragen so zu seinem Fortgang bei. Und die Frage ist, ob wir nicht auch darin wahre Profis werden. Da gibt es ein paar Zehntel Grad mehr Erderwärmung pro Jahr – wer spürt das schon? Da steigt der Meeresspiegel um ein paar Millimeter – wir haben noch lange keine nassen Füsse! Da werden ein paar Prozent mehr Schulden gemacht - Hauptsache, unsere Generation kommt noch durch! Da steigert sich der CO2 Ausstoß wieder ein bisschen – da sind die anderen Schuld!
Da gibt es wieder eine mittlere Steigerung von Hungertoten – wir zappen im Fernsehen einfach zur nächsten Unterhaltung weiter. Kurzum: Wir haben uns an sehr viel Schlimmes einfach gewöhnt - so geht man erfolgreich unter! Der Advent will uns dagegen wachrütteln, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, andere Wege zu gehen und den Glauben zu erneuern, d.h. das Vertrauen, dass Gott einen anderen Weg weist und uns dazu stärkt. Und so erwartet der Advent nicht den Untergang, nicht ein magisches Datum der ultimativen Katastrophe, sondern einen Geburtstag, den 25.12. als das Datum der Zeitenwende: Ein Gott, der Mensch wird, der unser Leben teilt, mit uns geht und uns eine lebenswerte Zukunft weist. Wenn er ankommt, dann ist Zukunft!
Die Rechnung, bitte…
Wer hat sie nicht gern, die schönen Momente dieser Ferienzeit? Das geniale italienische Essen, das Zimmer mit Alpenausblick, den schattigen Platz am Meeresstrand, die g’schmackige Brettljause, die besonderen Sehenswürdigkeiten, das einmalige Konzert … Momente, von denen wir lange zehren können. Sie sind uns viel wert, weil sie uns aus dem Gezerre und der Eintönigkeit des Alltagsanforderungen herausnehmen und uns wieder in Balance bringen. Und sie kosten auch etwas, natürlich. Alles kostet etwas und für alles Konsumierte wird uns die Rechnung präsentiert. Für alles? Was ist mit den vielen herrlichen Erfahrungen in der Natur, den Begegnungen, den besonderen Augenblicken im Leben – kommt da auch die Rechnung? L. Zenetti schreibt einmal in seinem Text „ Am Ende die Rechnung“:Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert für den Sonnenscheinund das Rauschen der Blätter,die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen,für den Schnee und den Wind, den Vogelgesang, das Gras und die Schmetterlinge,für die Luft, die wir geatmet haben,und den Blick auf die Sterne, und für all die Tage, die Abende und die Nächte. Einmal wird es Zeit,dass wir aufbrechen und bezahlen: Bitte, die Rechnung! Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht, soweit die Erde reicht: Es war mir ein Vergnügen!- es muss Zeit sein, so meine ich, in den besonderen Erfahrungen des Lebens Zeit zu haben zumindest für einen Augenblick des Staunens, der Dankbarkeit, des Aufmerkens, wem wir das alles verdanken. Er schenkt es gratis! Deo gratias!
Ein „Versteck“ des Geistes
Vor kurzem wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass sich im Gelände unseres Klosters ein “geo-cache“ befinde und im Internet schon oft kommentiert werde. Wie wahrscheinlich die meisten von Ihnen wusste ich zunächst nicht, was damit gemeint sein könnte. Ich wurde rasch aufgeklärt: Beim Geocaching wird ein kleiner Gegenstand versteckt, der dann mit der richtigen Koordinatenangabe per Navigationsgerät oder Handy gesucht werden soll. Was früher Schatzsuche hieß und mit Plänen und Hinweisen unterstützt wurde, heißt heute Geocaching auf Handybasis. Und so sind weltweit an malerischen Plätzen, berühmten Sehenswürdigkeiten oder abenteuerlich zu erreichenden Orten diese „caches“ versteckt und es finden sich immer mehr, die nach solchen versteckten Gegenständen suchen oder selber welche verstecken.
Die katholische Jugend hatte mit Blick auf diese Entwicklung die Idee, Jugendliche einzuladen, ihre „caches“ an besonderen Plätzen zu verstecken, die für sie spirituelle Orte sind, die zum Nachdenken, Beten und zur Besinnung einladen. So ist daraus der sog. „spiri-cache“ geworden, ein „Versteck des Geistes“ also, weil es besonders Orte gibt, wo wir Gottes Geist spüren können, in uns und um uns. Ein gewiss ungewöhnlicher Zugang zum Hl. Geist, der aber bewusst machen kann, dass Gottes Spuren überall anzutreffen sind, dass sein Geist überall wirkt und spürbar wird und uns im Innersten anspricht.
Es gibt wohl für jede und jeden von uns Plätze, wo unsere Seele aufatmen kann, wo wir den Atem Gottes, den Hl. Geist, mehr erahnen als sonst wo. So kann Pfingsten auch konkret werden und es wäre eine Anregung, an besonderen Orten Gott zu suchen –mit oder ohne Handy.
Kennst du den geheimsten Ort der Welt?
Er liegt in dir, zutiefst im Kerne deines Wesens.
Es ist der Ort, wo du dich frei kannst geben, dich öffnen ganz und gar.
Es ist der Ort, wo du nichts musst verbergen, keinen Schleier um dich hegen.
Niemand kann dich dort verletzen, beleidigen oder sonst beschämen,
offen kannst du legen, was du denkst, deine Meinung, Zweifel oder Fragen.
Offen kannst du legen, was du fühlst in deinen Sehnsüchten, Ängsten und Träumen.
Nur du hast Zugang zu diesem Ort. Es ist der Ort, wo du Gott spürst und er dich, wo ihr einander suchen, finden und begegnen könnt.
Es ist der Ort, wo Gott sich offenbart, ein Ort der Stille und des Gebetes.
Überall kann es ihn geben, zu Hause, in der Ferne, bei der Arbeit, bei Fest und Spiel, im Glück und auch in traurigen Stunden, am Morgen, Abend, Tag und Nacht.
Überall kann es ihn geben, überall in dir. Amen.
Mehr als ein Körnchen Wahrheit
Was für ein Fest! Zu Ostern feiern die Christen Auferstehung, den Sieg des Lebens! Nach allen Kreuzeserfahrungen blüht das Leben, es gibt eine Hoffnung für alles, was tot ist, weil das Leben siegt.
Und wer kann das beweisen? Stimmt denn das mitten in unserer so oft verwundeten Welt? Was ändert sich denn mit Ostern?
Die besten Argumente würden nichts nützen, wenn sie innerlich nicht treffen würden, wenn nichts vom Glauben aufginge und Leben nicht gespürt würde. Ostern entdeckt nur, wer die vielfältigen Spuren des Lebens aufmerksam wahrnimmt, wer Orte aufsucht, wo Gott näher ist, wer die Dinge genauer betrachtet, um die Botschaft des Lebens herauszuhören.
Da kann etwa auch ein Weihrauchkorn etwas von der Wahrheit des gewandelten Lebens erzählen, von Ostern mitten im Leben, mitten in der oft so rauhen Wirklichkeit. Vor kurzem habe ich einen Text gehört, der das beschreibt:
In Südarabien und in Somalia wachsen Bäume, die ein besonderes
Harz in sich tragen. Es tritt nach außen, wenn der
Baum verletzt wird. Das Harz fließt aus den Wunden der
Bäume. An der Luft wird es hart. Es verschließt die
Verletzungen und schützt so den Baum.
Beim Verbrennen entsteht balsamartiger Duft: Weihrauch.
Weihrauchkörner sind hart gewordene Wunden.
Jedes Korn hat seine eigene Größe, Form und Farbe.
Jedes Korn ist für sich zu einem kleinen, harten
Schutzpanzer geworden.
Wir selbst spüren das von Zeit zu Zeit ähnlich.
Wenn wir enttäuscht oder verletzt werden,
wenn wir schuldig werden,
bleibt manchmal eine harte Stelle zurück.
Häufig bleiben uns diese harten Stellen in uns verborgen.
Denn, wir sehen sie nicht gerne an,
suchen nicht nach ihnen.
Manche Menschen sagen, dass sie hart geworden sind in
ihrem Leben: Die vielen Verletzungen
haben sie hart gemacht.
Sie sind wie die Bäume, die sich mit festem Harz schützen,
ihre Wunden abdecken. Wenn das Harz der Bäume
gesammelt und verbrannt wird, wird aus dem Wundharz
ein wunderbarer Duft.
Der Weihrauch kann uns zeichenhaft zeigen:
Das kleine, harte und unnachgiebige Weihrauchkorn ist
nicht alles und nicht das Letzte:
Die glühende Kohle macht es wieder weich,
verwandelt es in wohlriechenden,
leicht aufsteigenden Rauch.
‚Leben wird nicht genommen, es wird gewandelt‘, so heißt es in einem alten kirchlichen Gebet. Das kleine Weihrauchkorn kann dafür zum Bild werden, was wir an uns geschehen lassen dürfen, wenn wir dem Urheber des Lebens vertrauen. Er verwandelt wirklich alles, was tot ist, in Leben.
Die Welt ist nicht genug
Die Welt ist nicht genug
Sollten wir einmal zuviel gegessen haben und damit „voll“ statt satt sein, wie wir sagen, dann fehlt es uns. Ähnlich ergeht es der erfolgreichen Karrieristin, die von der Arbeit nicht genug bekommen kann, ebenso dem Spekulanten, der sich auf abenteuerliche Renditen stürzt und immer noch mehr erlösen will, und all den anderen, die nicht genug kriegen vom Einkaufen, Spielen und all dem, was wir übertreiben können. Immer und spätestens dann wird uns bewusst: wir brauchen das rechte Maß, damit wir menschenwürdig leben können. Die Unersättlichkeit bedroht unsere körperliche und seelische Gesundheit ebenso wie das faire Zusammenleben auf dieser Welt.
Warum tun wir uns nur so schwer damit? Der französische Philosoph Paul Ricoeur formuliert einmal drei wesentliche Antriebskräfte, die uns umtreiben, so: „Wann habe ich genug? Wann gelte ich genug? Wann werde ich genug geliebt?“ - Genug hätten wir nie, es geht immer noch mehr, noch weiter, noch größer. Die Welt ist nicht genug für uns. Dieser unersättliche Stress ist ein Grund, warum heute so viele ausbrennen, erschöpft und atemlos sind, sich und andere überfordern und keine Zeit mehr für die wesentlichen Dinge des Lebens haben.
Fasten ist eine gute Hilfe, das richtige Maß wieder zu finden. Fasten heißt, durch praktischen Verzicht und meditatives Innehalten achten auf das, was sich in Körper und Seele, in der Welt um mich herum tut. Und Fasten heißt klug unterscheiden, was ich wirklich brauche und was Beiwerk ist. Dann komme ich darauf, dass die Welt wirklich nicht genügt, um unser Suchen und Fragen zu beantworten, dass es einen Größeren braucht, der unerschöpflich ist und die menschliche Sehnsucht stillen kann, ohne uns abstürzen zu lassen.
"Durch Entsagung machst du uns frei und öffnest unser Herz für die Not der Armen" heißt es in einer Fastenpräfation, einem Gebet in der Eucharistiefeier. Wer maßlos lebt, brennt aus. Wer kein Maß kennt, lebt über seine Verhältnisse. Wer es wieder findet, wird frei. Wer es hält, wird aufmerksam für das, was wir und die Menschen wirklich brauchen.
Die ernährungsstörungen nehmen zu
Eine flasche cola enthält mehr zucker
als meine großmutter im monat zu sich nahm
die übersättigung unter der wir leiden wird aufgebaut
um den hunger nach speise umzubauen
in das bedürfnis nach etwas besonderem
nicht hungrig und nicht satt
stecke ich etwas in mich hinein
Eine tageszeitung enthält mehr halblügen
als meine großmutter im monat zu sich nahm
die übersättigung mit unglück
an dem wir eh nichts ändern können
wird aufgebaut um den hunger nach gerechtigkeit umzubauen
in das bedürfnis nach etwas besonderem
nicht traurig und nicht erfreut
lese ich etwas in mich hinein
Ein satz aus dem morgenprogramm enthält mehr geschwätz
als meine großmutter im monat zu sich nahm
die übersättigung an einer sprache die nichts sagt
wird aufgebaut um die teilnahme zugrundezurichten
und unsern wunsch mit worten jemanden zu berühren
lächerlich zu machen
nicht ernst und nicht spielend
rede ich etwas aus mir heraus
In diesen zeiten ein mensch zu werden
ist etwa so möglich wie
daß ein kamel durch ein nadelöhr geht
Aus: dorothee sölle, spiel doch von brot und rosen. gedichte. Wolfgang Fietkau Verlag, Berlin 1998.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und dann?
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Dieses Sprichwort kennen fast alle und es zeugt vom Wert des Schweigen und der Stille, die so oft in unserer Zeit herbeigesehnt werden.
Im großen Lärm der Gegenwart ist das Schweigen eine Wohltat. Schweigen ist das Kennzeichen der Weisen, und oft wären wir weise geblieben, hätten wir nicht gleich den Mund aufgemacht und soviel gesagt.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, ist also wichtiger und wertvoller. Ist das schon das Wichtigste? J.W. Goethe fragt in einem Märchen: „Was ist wichtigeres als Gold?“ Die Antwort heißt bei ihm: „Licht!“ – Und er fragt weiter: „Und was ist wichtiger als das Licht?“ – „Das Gespräch“.
Schweigen allein hilft nicht, ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ist nicht menschliche Höchstleistung, es kann auch Leere, Verschweigen oder Verbitterung bedeuten und zum inneren Gefängnis werden.
Schweigen ist auch nicht das Eigentliche von Weihnachten. Ist es da auch das Gespräch, das wichtiger ist, und vor allem: wer sucht da ein Gespräch? Das Weihnachtsevangelium sagt ist klar: Gott sucht es. Gott ist Wort, er teilt sich mit, er geht aus sich heraus, will Kontakt mit den Menschen aufnehmen und gehört werden, mehr noch, in Dialog treten. Er ist wie ein offenes Buch, indem wir lesen, das wir verstehen können. „Der Dialog wird eng und vertraulich. Das Kind ist dazu eingeladen, der Mystiker erschöpft sich darin.“ (Paul VI, Ecclesiam Suam, 70).
Mit Gott reden, auf Gott hören - das ist es. Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott redet mit mir. Er ist ganz Wort, er lebt den Dialog.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold - und ein gutes Gespräch stellt alles Edelmetall in Schatten, ist noch mehr wert. Das Gespräch Gottes mit uns ist das wertvollste Geschenk, das wir zu Weihnachten feiern. Also höre hin und mache es wie Gott - suche das gute Gespräch!
Fast eine Weihnachtsgeschichte
Fast eine Weihnachtsgeschichte
Der Schweizer Autor Werner Wollenberger hat eine sehr berührende Erzählung verfasst, die er „Fast eine Weihnachtsgeschichte“ nennt. Es ist Geschichte von einem Mädchen, das sehr schwer erkrankt ist und nur noch einen Herzenswunsch hat: noch einmal Weihnachten zu feiern. Aber da gibt es ein unüberwindbares Problem: der Arzt gibt ihr nur noch eine kurze Lebenszeit. Für Weihnachten reicht es nicht mehr, wie er sagt. Und dann passiert das Unfassliche: Das ganze Dorf beschließt früher Weihnachten zu feiern, mitten im Advent. …
Zwei Gedanken beschäftigen mich aus dieser Geschichte. Einmal ist der Satz, dass er für Weihnachten nicht mehr reicht. Es gibt so dunkle Momente im Leben, wie etwa Krankheiten und Leid, oder auch die anderen Schwierigkeiten ohne Ende im Kleinen wie im Großen, dass es schier unmöglich scheint wirklich Weihnachten zu erleben. Wie kann es angesichts all der Krisen der Welt Weihnachten werden? Es reicht oft nicht für Weihnachten aus unserer Sicht – aus Gottes Sicht trotzdem. Er kommt nicht erst dann, wenn alles in Ordnung ist oder wir ganz o.,k. sind, er kommt dennoch. Gott wird geboren mitten in die Armut des Lebens hinein, er nimmt das Menschsein an – das ist der tiefste Trost und die größte Stärkung, die es gibt, mitten in allen Schwierigkeiten.
Zum Zweiten bewegen mich die Dorfbewohner, die spontan menschlich handeln und kurzerhand den Kalender außer Kraft setzen. Und es stimmt: Weihnachten ist nicht einfach am 25. Dezember, weil es im Terminplaner steht oder dem Adventkalender da die Türen ausgehen, da muss etwas anderes passieren. Weihnachten ist dann, wenn Gott geboren wird, das Wort Wirklichkeit wird, und die Menschen berührt werden von jenem Geheimnis, das von seiner Menschwerdung her ausstrahlt, uns wirklich menschlich werden lässt. Das Handeln folgt dem Sein, so lautet ein Prinzip der Scholastik. Wer im innersten Sein vom Mensch gewordenen Gott berührt ist, der hat auch Kraft wirklich menschlich zu handeln.
Im Advent ist Zeit, Gott und den Menschen wieder neu zu entdecken – mitten im Leben.
Unheilig
Wer möchte schon gerne im alltäglichen Sprachgebrauch als „heilig“ bezeichnet werden? Trotz aller anders lautenden Botschaften und Einsichten gelten Heiligen oft als unerreichbare Gestalten aus der Vergangenheit, oder als sonderbare, allzufromme Typen, beschränkt tauglich für das normale Leben. „Heilig“ wird dann eher abwertend als ein Kompliment verwendet.
Aber was will man dann sein? Unheilig? Wer wollte das im Ernst sein? (Mit Ausnahme eines deutschen Sängers vielleicht, der sich „Graf von Unheilig“ nennt). Unheilig – das würde ja eigentlich heißen: unheil oder gar Unheil anrichtend. Heilig hat dagegen mit heil sein zu tun, mit heilsam und geheiligt – Balsam für unsere verwundete Welt, notwendige Tugend zu allen Zeiten.
Nach dem 2. Vat. Konzil ist Heiligkeit ein Thema für alle Christen. Jede/r ist gerufen heilig zu werden und diese Heiligkeit fördert in der Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben (LG 39f). Heiligsein zeichnet sich also durch echte Frömmigkeit und starke, herzliche Menschlichkeit aus. Das zählt vor Gott, nichts anders. Die Frage lautet nicht höher oder niedriger, sondern heilig oder nicht? „Es wäre sehr unvollständig nur jene Heiligen ins Auge zu fassen, die zur Ehre der Altäre erhoben worden sind - eine solch einengende Sicht könnte entmutigend sein. Heiligwerden hat mit dem Alltag zu tun.“ (H. Ferenczy OSB)
Es ist sehr heilsam, darüber wieder einmal nachzudenken.
Abt Johannes Perkmann OSB
Heilige des Alltags sind…
die Freundlichen, die Herzlichen, die Hilfsbereiten,
die Versöhnlichen, die nicht jeden Schmarren nachtragen und ewig nicht vergessen können,
die Friedensstifter, die es verstehen, gegensätzliche Charaktere wieder einander näher zu bringen,
die Geduldigen und Einfühlsamen, die andere pflegen,
die Gesprächsbereiten, die nicht schmollen und aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen,
die einfachen Menschen, mit denen man offen reden kann ohne Standesdünkel,
die zu ihren Fehlern stehen und nicht bei dem Perfektionswahn mitmachen,
die fallen und wieder aufstehen,
die zu ihrem Glauben stehen,
die Gott und Menschen bitten und danken können,
die trotz allem hoffen und vertrauen.
Hoffnungszeichen
Mancherorts hört man, dass es ohne Religionen mehr Frieden in der Welt geben würde. Abgesehen davon, dass das Fehlen von Religion das Unbehaustsein in der Welt nur noch mehr verstärken würde, die innerste und stärkste Motivation zur Verantwortung fehlen würde und Leere keinen Sinn hervorbringt: es stimmt auch das mit dem Frieden nicht.
Es gab und gibt leider immer gewalttätige Menschen, die sich auf Religion berufen, es gab leider im Namen der Religion Kriege und Unterdrückung. Wie das bei den Christen mit der Botschaft des Neuen Testamentes in Einklang zu bringen war, bleibt ein Rätsel. Es braucht - gelinde gesagt - schon eine katastrophale Leseschwäche und mehr als ein Nicht Genügend im sinnerfassenden Lesen, um in der Botschaft Jesu die klare Botschaft zum Frieden nicht zu verstehen.
Aber auch eine andere Untiefe tut sich in der Geschichte auf: Oft wurde auch Religion dazu benutzt, um die wahren Ursachen oder Absichten der Kriege zu verschleiern. Soziale Konflikte, Auseinandersetzung um Ressourcen oder nationale Machtansprüche wurden oft bewusst religiös aufgeladen, wie z.B. am Balkan.
„Es gibt keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden“, sagt Hans Küng und begründet dies folgendermaßen: Milliarden von Menschen lassen sich ihre Religion nicht nehmen, viele ‚humane‘ Werte sind religiösen Ursprungs und bisher sind alle Versuche einer ethischen Weltordnung ohne religiösen Begründung gescheitert.
Ein Hoffnungszeichen in dieser Richtung ist es, wenn religiöse Verantwortungsträger zusammenkommen, miteinander in Dialog treten und sich für Frieden einsetzen. Sich nicht politisch vereinnahmen lassen, die eigene Geschichte aufarbeiten und aus ihr lernen, etwaige eigene Gewaltpotentiale erkennen und läutern, Kriegstreibern ihre religiöse Maske nehmen – all das sind Bausteine für eine bessere Zukunft.
Beim Friedenstreffen in München, das federführend von der Gemeinschaft Sant’ Egidio aus Rom organisiert wurde, kamen Vertreter aller großen Religionen zu Dialog und Gebet zusammen. In der Münchener Abschlusserklärung heißt es:
„Es ist an der Zeit, sich zu ändern. Die Welt benötigt mehr Hoffnung und mehr Frieden. Wir können wieder neu lernen, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu leben. Wir sind uns der Verantwortung der Religionen für die Gefährdung des Friedens bewusst, immer dann, wenn sie nicht den Blick nach oben gerichtet haben. Wer den Namen Gottes gebraucht, um den anderen zu hassen und zu töten, lästert den heiligen Namen Gottes. Daher können wir sagen: Es gibt keine Zukunft im Krieg! Es gibt keine Alternative zum Dialog. Der Dialog ist ein einfaches Werkzeug, das alle nutzen können. Durch den Dialog können wir ein neues Jahrzehnt und Jahrhundert in Frieden gestalten. Seien wir alle Handwerker des Friedens. Möge Gott unserer Welt wirklich das wunderbare Geschenk des Friedens machen!“
Die ganze Erklärung lesen Sie hier:
Und der Lugner hat doch nicht recht
Schon wieder ist die Sonntagsruhe in Diskussion gekommen. Gewichtige Kammerräte und glamouröse Unterhalter reden derzeit einer weiteren Ausweitung der Einkaufszeiten das Wort und fahren einmal mehr über den Sonntag drüber.
Es ist paradox: Immer mehr fühlen sich heutzutage gehetzt und reden vom Stress (in der Arbeit, durch die ständige Erreichbarkeit, in der Freizeit, in den Beziehungen…) - und dann sollen die gemeinsame Ruhezeiten weiter ausgehöhlt werden? Immer mehr Medikamente werden geschluckt, um die Stimmung aufzuhellen oder die Leistungsfähigkeit zu erhöhen, viele klagen über Ausbrennen und Sinnleere - und dann sollen sinnstiftende Zeiten wegrationalisiert werden?
Dabei ist gerade der Sonntag ein wichtiges Instrument, um zur Ruhe zu kommen. Das gilt nicht nur für die große Zahl der Christen, sondern weit darüber hinaus.
700.000 Österreicher gehen Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst, dazu kommen die, die selten, aber doch mitfeiern und in diesen Momenten Ruhe für die Seele suchen. So ein gut gefeierter Sonntag sagt einem: „Du musst nicht alles selber machen, es gibt die Dinge, die werden dir geschenkt; in der Dankbarkeit dafür liegt ein Schlüssel zur Freude.“ Und das Potential Hoffnung, Sinn und Inspiration, das im Sonntag liegt, ist ein unerschöpflicher Wert.
Dieser Tag ist und bleibt identitätsstiftend für die Christen und ist zugleich ein gesellschaftliches Gut: Ein Tag, um Zeit für die Familie zu haben, um Beziehungen im Freundeskreis und in Vereinen zu pflegen. Wenn die Mutter am Dienstag, der Vater am Donnerstag und die Kinder am Samstag frei haben – wann wäre dann eine gemeinsame Zeit?
Müssen dann der Kindergarten und die Schulen auch am Sonntag öffnen?
Natürlich ist der Sonntag nicht gegängelt durch pharisäische Kasuistik und kleinliche Arbeitsverbote. Zusammenhelfen und Not lindern, Pflege, Versorgung, Sicherheit, Gastfreundschaft… müssen sichergestellt sein und dafür arbeiten Menschen. Ihnen gebührt Dank, Anerkennung – und Vergütung. Die Sonntagsarbeit ist (gerade) noch die Ausnahme, sollte sie zur Regel werden, verlieren alle etwas.
Allen Denkern und Unterhaltern in der derzeitigen Diskussion sei gesagt: Die ständig gehetzten, ausgebrannten, immer zur Arbeit verfügbaren und dauerkonsumierenden Einzelkämpfer wird sich die Gesellschaft auf Dauer einfach nicht mehr leisten können!
Vielleicht ist ja in ruhigen Momenten des Sommers Zeit zum Nachdenken…
Ich wünsche dir Zeit
Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.
Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.
Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!
(Elli Michler)
Die Kirche, um Himmels willen, die Kirche!
Viele sagen heute, dass sie die Kirche nicht mehr brauchen, aber natürlich gläubig sind und sich alles mit ihrem Gott selber ausmachen. Geht das wirklich?
Natürlich gibt es historische Irrtümer der Kirche und ihre alten und neuen Fehler entmutigen viele, lassen andere die Kirche grundsätzlich in Frage stellen oder ihre gesellschaftliche Entsorgung wünschen. Keine Frage, in der Kirche wird sich vieles ändern müssen, schmerzhaftes Abschiednehmen und Neuwerden eingeschlossen, sie wird an ihrer Glaubwürdigkeit zu arbeiten und aus den Fehlern zu lernen haben.
Aber was wäre, wenn es keine Kirche mehr gäbe? Wenn die Ideale des Evangeliums nicht mehr tradiert, übersetzt und vermittelt würden, wenn Glaubensgemeinschaft nicht mehr gelebt würde?
Um das Leben und die Liebe zu lernen, brauchen wir eine Familie und gute Freunde, zur Bildung eine Schule, zum Fußballspielen einen Verein, zum miteinander Singen einen Chor, zur jugendlichen Kommunikation die Freunde im facebook– und im Glauben soll das anders sein, da schaffen wir alles allein?
Als Menschen leben wir vom Erzählen und Mitteilen, vom gegenseitigen Ermutigen, Korrigieren und Lernen, von der aufmerksamen Hilfe und vom Zusammenhalten – im Glauben ist das nicht anders. Glaube und Spiritualität sind keine Egotrips, weil wir auch hier soziale Wesen sind, die einander und die Gemeinschaft brauchen. Und diese Gemeinschaft heißt Kirche. Und sie lädt jede/n ein, nicht nur theoretisch gläubig zu sein, wenn es einen gerade freut (und dann mit vollem Beratungs- und Festgestaltungsservice der Kirche), sondern dranzubleiben und diesen Glauben praktisch mitzugestalten, so, dass es andere auch merken und echte Gemeinschaft aufgebaut wird.
Mehr als Frühlingserwachen
In diesen Tagen sind wir Zeugen des Frühlings – das Leben erwacht in vielfältigen Blüten. Unsere klösterliche Birnbaumallee ist da ein besonderes Erlebnis, wenn sie ein paar Tage lang ihre ganze Blütenpracht entfaltet und zum Staunen einlädt.
Dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich an Ostern denke, und viele werden es verstehen und nachvollziehen können. Der Frühling ist eine Ahnung von Ostern. Ist das alles? Es wäre zwar für alle in unserer Gesellschaft annehmbar, an Ostern von diesem Frühlingserwachen zu reden und zu folgern, dass das Leben immer weiter geht. Doch ist das schon eine echte Botschaft in unser Leben, ein Trost angesichts so vieler Wunden in der Schöpfung, eine Antwort auf die drängenden Sinnfragen? Ostern ist mehr. Ostern ist die Botschaft, dass mehr drinnen ist, dass das Leben auch angesichts des Todes nicht vergeht, dass ewiges Leben möglich ist, weil es der Herr des Lebens schenkt - nicht nur metaphorisch, nicht nur als Vergleich und Andeutung, sondern als reale Erfahrung.
Der neue Jugendkatechismus „Youcat“ formuliert es so:
„Das ewige Leben beginnt mit der Taufe. Es geht durch den Tod hindurch und wird kein Ende haben. Allein schon dann, wenn wir verliebt sind, wollen wir, dass dieser Zustand nicht mehr aufhört. ‚Gott ist die Liebe’, sagt der erste Johannesbrief (1 Joh 4,16). ‚Die Liebe’, sagt der erste Korintherbrief, ‚hört niemals auf’ (1 Kor 13,8). Gott ist ewig, weil er die Liebe ist, und die Liebe ist ewig, weil sie göttlich ist. Wenn wir in der Liebe sind, treten wir ein in Gottes endlose Gegenwart.“
- Wenn das keine Botschaft ist, die hoffen lässt und genauso weitergesagt gehört wie das Frühlingserwachen?
„Es nützt mir nichts, wenn mir ein berühmter Philosoph auf die Schulter klopft und klarmacht, dass man die Sinnlosigkeit eben zur Kenntnis nehmen müsste. Es hilft mir auch nicht, wenn ich mit raffinierten Versenkungsmethoden aus der Realität fliehe und in ein Nirwana entschwebe. Es sagt mir auch nichts, wenn ein Ideologe mir einzureden versucht, dass ich mich als Teilchen in einem gewaltigen Evolutionsprozess der Gesellschaft sehen müsste und irgendein feuchter Drei-Promille-Optimismus, der zwischen Heurigenrülpsern musikalische Gestalt annimmt, bringt mich auch nicht weiter. Und so gern ich die Natur habe - angesichts des Drüsenkrebses im Endstadium, den ich eben gesehen habe, vermag mich auch der Hinweis auf Frühlingsahnen, Blütenduft und Vogelgezwitscher nicht nachhaltig zu trösten.“ (Bischof Stecher)
Vom Echtsein
Unsere Gesellschaft wird derzeit geradezu herumgetrieben von der Frage, was echt, glaubwürdig und ehrlich ist. Ist die Doktorarbeit echt oder ein Plagiat? Ist der sportliche Sieg echte Leistung oder dem Doping zu verdanken? Ist eine Person wirklich so gut wie berichtet wird oder ist das doch nur ein kurzfristiger hype? Sind unsere Lebensmittel echte Naturprodukte oder voller Chemie? Meinen die in der Kirche das echt so, wenn sie vom Zölibat, von der Armut oder vom Schutz der Kinder reden?
Und wie ist das mit dem eigenen Christsein? Ist das echt oder trügt auch hier der Schein, ist alles nur frommer Schwindel? Gespielt, wenn man es braucht und es etwas bringt? Wie viel Eigenes ist da dabei, d.h. vertieft und geübt, und wie viel nur abgekupfert, d.h. oberflächlich und äußerlich übernommen?
Die Fastenzeit weckt wieder das Gespür für das Echte, weil sie hilft, es zu üben und damit auch die eigene Glaubwürdigkeit zu trainieren. Wann ist jemand glaubwürdig? Wenn man das umsetzt, wovon man redet, was man verspricht.
Wer sich Fasten vornimmt, meint eigentlich:
- Ich verzichte auf etwas ganz Konkretes: Es gilt manches beim Essen wegzulassen, das richtige Maß zu finden und das auch einzuhalten. Die Waage, die eigenen Aufzeichnungen werden es am Ende beweisen, ob ich echt gefastet oder nur davon geredet habe.
- Ich achte, was in mir vorgeht – im Körper und in der Seele. Auch in der Seele gilt es Altlasten zu entsorgen und Platz zu schaffen für das Wesentliche. Fasten gelingt nur, wenn immer wieder Zeit bleibt für eine bewusste Stille, ein gutes Buch und ein Gebet.
- Ich nehme eigene und fremde Bedürfnisse war: Fasten lässt spüren, was ich wirklich brauche, zeigt eigene Grenzen auf, bremst die Selbstüberschätzung bei mir selber; es öffnet die Augen und macht hellhörig für die Situation der Menschen rundherum. Wer Tagebuch führt, wer Rückmeldungen anderer wahrnimmt, kann es am Ende sehen, ob sich auch hier etwas getan hat.
Wer in diesem Sinn echt fastet und es durchhält, trainiert die eigene Glaubwürdigkeit, der übt einen Glauben, der die Echtheitsprüfung nicht zu scheuen braucht. Alles andere ist eine halbe Sache, ist Plagiat.
In diesem Sinne eine gute Fastenzeit!
Mensch, werde wesentlich;
Denn wenn die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg.
Das Wesen, das besteht.
A. Silesius
und die Tür...steht offen!
In einer orientalischen Geschichte wird von einem reichen und mächtigen Sultan erzählt, der nur eine Sorge kannte: Er fürchtete sich vor Dieben, Räubern und Mördern, die in seinen Palast eindringen könnten. Aus diesem Grunde ließ er einen neuen Palast mit uneinnehmbaren Mauern errichten, dessen einziges Tor mit 49 Schlössern versehen wurde, die nur mit den passenden Schlüsseln geöffnet werden konnten.
Doch in der Nacht vor der Eröffnung starb plötzlich der Baumeister. Und da er keinen Schlüssel hinterließ, war die Ratlosigkeit groß, wie denn nun die Schlösser zu öffnen wären.
Der Sultan ließ im ganzen Reich nach Menschen zu suchen, die dieses Tor aufmachen konnten. Doch wer auch immer kam, die Weisen, der König der Einbrecher, Zauberer und Hexen – keiner vermochte die Schlösser auch nur ein wenig zu bewegen.
Da rannte plötzlich ein Kind auf das Tor zu. Noch bevor es aufgehalten werden konnte, stellte es sich auf die Zehenspitzen und drückte den großen goldenen Türgriff und stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen einen Flügel des Tores. Verblüfft bemerkten die Schaulustigen, wie der Torflügel leicht und geräuschlos nach innen aufschwang. Der Sultan und die Wesire starrten sich fassungslos an, sanken in den Wüstensand und stellten fest, wie grenzenlos Beschränktheit doch sein kann — und wie oft doch verschlossene Türen nur in einem selber sind.
Es gibt viele verschlossene Türen - in einem selber, zwischen den Menschen, zwischen Arm und Reich, zwischen Himmel und Erde. Wer vermag sie zu öffnen? Zu Weihnachten feiern wir, dass die Tür geöffnet wird - durch Gott selber. Das göttliche Kind öffnet die Beschränktheit unserer Sichtweisen, damit wir herausfinden aus unserer verschlossenen Welt und Zugehörigkeit, ein neues Miteinander und Sinn finden. Und wir dürfen es dem Kind in der Geschichte gleichmachen und eintreten. Die Tür steht offen und drinnen wartet Gott - das ist die bleibende Botschaft des Weihnachtsfestes.
Outdoor oder Indoor?
Alte Türen faszinieren, Kirchentüren allemal. Abgewittert auf der Außenseite, eine ausgetretene Schwelle und ein Schloss, das ein großer Schlüssel sperrt. Wie viele werden hier wohl davor gestanden sein, mit lachendem oder besorgtem Gesicht, pflichtbewusst und gewohnt oder auch voller Vorfreude bei wichtigen Lebensereignissen? Und wichtig bei einer Tür ist naturgemäß, dass sie sich öffnet, dass der Zutritt nach innen frei wird.
Die Adventzeit hat mit diesen offenen Türen zu tun:
Zunächst damit, dass wir als einzelne und als Gesellschaft offen sind für die Menschen, die draußen stehen und Zutritt, Gemeinschaft und Zugehörigkeit ersehnen. Es wird immer eine Frage sein, unser Zumachen und Zusperren zu überdenken, damit weniger draußen stehen müssen und mehr Gemeinsamkeit und Friede wachsen können. Öffnen verändert beide: den vor der Tür und den im Inneren.
Und dann hat der Advent mit dem Öffnen für Gottes Kommen zu tun. Viele fragen heute wieder, ob es diesen Gott gibt und vor allem, wie wir zu ihm kommen. Die christliche Tradition kennt das Bild von Gott, der an der inneren Tür des Menschen klopft und Einlass erbittet. Können wir dann unser inneres Tor öffnen, das oft einem Burgtor gleicht? Sicher ist es und verschlossen durch so manche Verletzung, durch Skepsis, Verbitterung über die Kirche, verkopfte Argumente, durch Zweifel oder Vorsicht.
Der Advent lädt ein, den Schlüssel wieder zu suchen und die innere Tür zu öffnen. Das Wunder der Begegnung ist oft ganz nah.
Ich wünsche vier Schlüssel:
Einen Schlüssel für die Hintertür - der Herr kommt,
wo und wann wir's nicht vermuten. Er kommt in denen,
die sich nicht ans große Tor getrauen.
Einen Schlüssel für die Tür nach innen - der Herr ist inwendiger
als unser Innerstes.
Von dort betritt Er das Haus unseres Lebens.
Einen Schlüssel für die Verbindungstür, die zutapezierte,
zugemauerte nach nebenan - im Allernächsten,
welcher der Allerfremdeste ist, klopft der Herr bei uns an.
Einen Schlüssel für die Haustür, für das Portal -
dort hat man Jesus mit Maria und Josef abgewiesen.
Wir wollen uns nicht genieren,
ihn öffentlich einzulassen in unser Leben, in unsere Welt.
Werden wir sein Betlehem heute sein?
(Bischof Klaus Hemmerle)
Wahre Größe
In einer Geschichte der indischen Weisheitsliteratur heißt es:
Ein berühmter indischer König ließ sich einen neuen Palast erbauen. Es war der prächtigste je auf Erden errichtete Palast, und als er fertig war, hatte der König den Wunsch, ihn vom größten Künstler malen zu lassen. Der Künstler hatte sich schon zur Ruhe gesetzt und lebte in den Wäldern, aber er erklärte sich bereit, im Dienst der Krone und des Volkes den Pinsel wieder in die Hand zu nehmen. Der König wies ihn an, den Palast in allen Einzelheiten und ganz genau so zu malen, wie er in Wirklichkeit war. Der Meister stellte als einzige Bedingung, dass niemand das Bild sehen sollte, bevor es ganz vollendet wäre. Die Bedingung wurde angenommen, und in völliger Einsamkeit ging der Meister zu Werk. Nach einiger Zeit rief er den König und enthüllte das vollendete Gemälde vor ihm. Der König betrachtete es voller Staunen. Auf einer großen Leinwand sah er einen Wald und einen Berg dargestellt, davor ein sich dahinschlängelnder Fluss, darüber ein tiefblauer Himmel. Es war ein herrliches Bild. „Aber“ rief der König aus, als er sich von seiner Überraschung erholt und die Sprache wieder gefunden hatte, „wo ist mein Palast?“ Der Meister lächelte und sagte mit milder Stimme: „Wenn Eure Majestät genau hinsehen wollen, da, am Fuß des Berges, am Rande des Waldes, an der Biegung des Flusses ist ein winziger Punkt. Das ist Euer Palast.“ Und da das Gesicht des Königs immer noch Erstaunen und Missfallen ausdrückte, fügte er hinzu: „Euer Majestät baten mich, diesen Palast genau so zu malen, wie er in Wirklichkeit ist. In der Wirklichkeit der Schöpfung Gottes ist Euer Palast nur ein winzig kleiner Punkt. Wenn Eure Majestät jedoch geruhen wollen, sich diesen Punkt mit einem Vergrößerungsglas anzusehen, werden Eure Majestät mit Befriedigung feststellen können, dass keine Einzelheit des Palastes fehlt.“
- eine handfeste Belehrung für den König, dessen Selbstbild wohl etwas zu groß angelegt war. Und nicht nur bei Königen ist es ernüchternd, was vom eigenen Selbst, den Verdiensten und Werken eigentlich bleibt. Eine Winzigkeit sind wir in den Jahrmillionen der Erdgeschichte, in der Vielzahl der Arten und Generationen, in der Unendlichkeit des Universums - ein „Stäubchen auf der Waage“ wie die Bibel sagt, nicht nur, weil wir wieder zu Staub werden.
Aber nachdem wir ja nicht die Welt erlösen müssen, sich nicht alles um uns dreht, wird die Sicht auf das Ganze nicht entmutigen, sondern entlasten. In der Schöpfung sind wir ein Teil und wir gehören zu diesem Großen und Ganzen dazu, in dem ein Größerer die Spielregeln festlegt. Dieser große Zusammenhang der Schöpfung gibt uns Freiraum zum Atmen, Staunen und Wachsen. Jeder religiös offene Mensch wird dann erahnen, dass wir zu alledem „grenzenlos dazugehören“ (D. Steindl-Rast) dürfen. Und das gibt unserem Dasein Sinn und Ziel. Ob da nicht erst die wahre Größe des Menschen aufscheint?
Arbeitsbeginn
Meine Zeit in deinen Händen
Herr
eine neue Zeit liegt vor uns
Geschenk des Lebens
Geschenk deiner Liebe
er ist nicht selbstverständlich
diese neue Zeit
Pläne und Hoffnungen
Angst und Mutlosigkeit
Termine und Begegnungen
Enttäuschungen und Zuversicht
was wird diese Zeit für uns sein?
du rufst uns heraus
aus dem Dunkel der Nacht
du öffnest die Zeit
vertraust uns Minuten
Stunden an
hilf uns
dass wir behutsam und liebevoll
sorgsam und behütend
mit dieser Zeit umgehen
keine Stunde kehrt zurück
lass uns die Zeit nutzen
aber uns nicht von ihr gefangen nehmen
lass uns die Zeit verschenken
aber nicht verschleudern
lass uns die Zeit genießen
uns aber nicht in ihr verlieren
gib unseren Stunden und Minuten
dein Gesicht
hinterlasse deine Spuren
kerbe dich ein
begleite uns an dieser neuen Zeit
zeichne dich ein
in unser Mühen
unsere Freude
sprich dein gutes Wort
über Angst und Vertrauen
sei du der Herr
unserer Stunden und Minuten
segne unser Lassen und Tun
segne du
unsere Zeit
Aus: Andrea Schwarz, Du Gott des Weges segne uns. Herder Verlag Freiburg Basel Wien, o. J.
Auszeit für Vuvuzelas
Auszeit für Vuvuzelas
Der Lärm der Vuvuzelas bei der WM in Südafrika ist verstummt und auch in die sonst so beherrschende Betriebsamkeit kehrt in der Ferienzeit wieder ein wenig mehr Ruhe ein. Und das tut wohl allen gut, wenn es auch nicht leicht ist, innerlich wirklich ruhig zu werden und echt abschalten zu können.
Im Lukas-Evangelium (10. Kapitel) gibt es dazu eine anregende Episode:
Jesus und seine Jünger zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.
Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!
Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.
Diese Stelle wird wohl immer für Kontroversen sorgen und stellt auf den ersten Blick für alle Fleißigen und Umsichtigen eine Provokation dar.
Im Kontext wird deutlich, worum es geht: Diese Stelle folgt dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, also der unbedingten Pflicht zur Nächstenliebe ohne Ausrede. Und die oben erzählte Begebenheit sorgt für die richtige Balance, damit nicht Aktivität auf Kosten der Substanz geht, damit wir nicht bei aller lobenswerten Tätigkeit ausbrennen und leer werden.
Wenn Ferien gelingen, dann wohl nur, wenn Zeit zum Hören, Zuhören und Lauschen bleibt, wenn die leiseren Töne auch wieder Platz haben, wenn Zwischentöne herausgehört und bedacht werden. In diesem Sinne eine gesegnete Ferienzeit!
Ihr
Abt Johannes
Momo
Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. (...) Und so wie Momo sich auf's Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen tief mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.
So konnte Momo zuhören!
Michael Ende
Happy Birthday!
Happy Birthday!
In diesen Tagen ist im Radio wieder die scheinbar unbeantwortbare Quizfrage zu hören, was denn zu Pfingsten eigentlich gefeiert wird. Viele tun sich schwer, den Festinhalt zu beschreiben. Wenn wir den konkreten Inhalt von Pfingsten ins Auge fassen, dann kann dieses Fest als Gründung, ja als „Geburtstag“ der Kirche gesehen werden. Mit der Dynamik des Geistes haben sich die Jünger als Gemeinschaft begriffen, die das Evangelium lebt und es in die Welt hinausträgt.
Aber können wir heuer diesen „Geburtstag“ der Kirche feiern? Die Kirche ist so ins Gerede gekommen, dass viele Gläubige verunsichert und verärgert sind von Tatbeständen des Missbrauchs, von Gerüchten, Schlagzeilen und Verdächtigungen, die erschüttern und jegliche Feierlaune verderben. Da braucht nicht herumgeredet zu werden, die Dinge gehören beim Namen genannt, und es ist dringend nötig, wirksame Schritte der Aufarbeitung und der Versöhnung zu setzen. Prävention und Neuorientierung auf der Höhe des heutigen Wissensstandes sind angesagt, dazu gilt es, einen glaubwürdigen geistlichen Lebensstil zu entwickeln, am zweifellos vorhandenen Guten weiterzuarbeiten und manches anders zu denken. Und wie könnte Kirche anders werden?
Ein Blick auf die Bibel hilft hier eine echte Perspektive zu finden. Das Volk Gottes hat erstaunlicherweise auch die ärgsten Zeiten durchgestanden und immer wieder neu ansetzen können. Das gilt besonders für die Zeit des babylonischen Exils und der Diaspora wie auch für den neuen Weg, den die junge Kirche gegangen ist. Und immer wieder tauchen bei der Bewältigung solcher Krisen- und Übergangszeiten folgende Momente auf:
- Bei der Problemaufarbeitung nimmt sich die Bibel kein Blatt vor den Mund und hat Kritik an keinem gescheut, nicht an Königen, Priestern, Propheten, Aposteln, nicht am ganzen Volk.
- Oft und oft wird das Umdenken und Umlernen betont. Auch wenn vieles Selbstverständliche in veränderten Zeiten nicht mehr möglich war, etwa Riten, Ämter, Tempel, ja sogar Heimat aufgegeben werden mussten, konnte das Volk Gottes dennoch seine Identität wahren. Es glaubte nicht an Formen und Ämter, sondern an Gott - und der kann nicht genommen werden.
- Immer wieder wird Mut gemacht, in der neuen Zeit anzukommen und sich für die Gesellschaft einzusetzen. So schreibt Jeremia in seinem berühmten Brief an die Verbannten: „Baut Häuser, und wohnt darin, pflanzt Gärten, und esst ihre Früchte!… Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“ (vgl. Jer 29,5f).
In der Bibel findet sich eine große Ermutigung zur Zukunft, um aus tiefen Quellen schöpfend immer wieder Neues zu entwickeln, das trägt und dem Menschen gerecht wird. Dazu braucht es heute Amtsträger, die sich immer wieder am Evangelium ausrichten und Mut zu Neuem haben, dazu braucht es eine Basis, die den Glauben wichtig nimmt und denselben Mut hat.
In diesem Sinne ein geistreiches Pfingsten und viel Mut zu Neuem!
Ihr
Abt Johannes
Weil du da bist, ist wirklich Ostern!
Weil du da bist, ist wirklich Ostern!
Eine benediktinische Ostergeschichte ist mir besonders lieb geworden, weil sie zeigt, wie Ostern erfahrbar werden kann. Papst Gregor. d. Gr. erzählt sie in seinem 2. Buch der Dialoge:
…Da wollte der allmächtige Gott Romanus von seiner Mühe ausruhen lassen und das Leben Benedikts den Menschen als Beispiel vor Augen führen. Wie ein Licht sollte er auf den Leuchter gestellt werden, hell brennen und allen im Haus leuchten. Darum offenbarte sich der Herr einem Priester, der weit entfernt wohnte und sich am Osterfest ein Mahl zubereitete. Er sagte zu ihm: »Du bereitest dir hier Köstlichkeiten, und mein Diener wird dort vom Hunger gequält.«
Sofort stand der Priester auf und machte sich noch am Osterfest mit den Speisen, die er für sich zubereitet hatte, auf den Weg. Er suchte den Mann Gottes in den steilen Felsen, in den Talgründen und in den Schluchten. Schließlich fand er ihn in der Höhle verborgen.
Sie beteten miteinander, priesen den allmächtigen Herrn und setzten sich nieder. Nach beglückendem Gespräch über das wahre Leben sagte der Priester, der gekommen war: »Auf! Wir wollen Mahl halten, denn heute ist Ostern.« Der Mann Gottes gab zur Antwort: »Gewiss! Es ist Ostern, denn ich durfte dich sehen.« Er wusste nämlich nicht, dass auf jenen Tag das Osterfest fiel; so weit hatte er sich von den Menschen entfernt. Der ehrwürdige Priester versicherte ihm aufs neue: »Heute ist Ostern, der Tag der Auferstehung des Herrn. Da darfst du nicht fasten; denn dazu bin ich gesandt, dass wir gemeinsam die Gaben des allmächtigen Herrn genießen.« Da priesen sie Gott und hielten Mahl.
Nach dem Essen und dem Gespräch kehrte der Priester zu seiner Kirche zurück.
(Dialoge, 1. Kapitel)
Wie wirklich Ostern wird?
- wenn sich Menschen wirklich menschlich begegnen
- wenn auch die „spirituellen Höhlenmenschen“ wieder Anschluss finden
- wenn die Menschen nicht mehr verhungern in Einsamkeit und Ver-
nachlässigung
- wenn die Opfer von Missbrauch und Gewalt ernst genommen werden
- wenn in der Seelsorge auch die menschlichen Bedürfnisse beachtet werden
- wenn die Botschaft von der Auferstehung nicht verschwiegen wird
- wenn die kirchliche Sprache die Menschen von heute erreicht
- wenn der der Glaube an die Auferstehung wirklich gelebt wird
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest, ein Fest des Lebens, der Befreiung und Versöhnung!
Abt Johannes Perkmann OSB
Das Kreuz mit dem Kreuz
Das Kreuz mit dem Kreuz
Gerade in der Fastenzeit begegnet es uns wieder häufig: das Kreuz als das Zeichen für unseren christlichen Glauben. Aschenkreuzauflegung, Kreuzweg, Fastenkreuz und Kreuzverehrung sind in unserer Liturgie fest verankert. Und dabei ist es immer wieder in kontroverser Diskussion, wenn man an die Auseinandersetzung über die Kreuze in den Klassenzimmern denkt oder wenn etwa in einem österreichischen Magazin getitelt wird: „Für Minarette, gegen Kreuze.“
Dass das Kreuz immer schon für Auseinandersetzungen gesorgt hat, zeigt ein Blick in die Geschichte. Seit uralten Zeiten ein positives Symbol für die 4 Himmelsrichtungen und die Verbindung zwischen Himmel und Erde, wurde es später zum Zeichen einer Hinrichtungsart. Schon 1000 vor Christus war die Kreuzigung eine gängige Todesstrafe im Vorderen Orient, die auch von den Römern übernommen wurde. In der Bibel galt ein am Pfahl Gehängter als Verfluchter, bei den Römern hieß es: „Was Kreuz heißt, soll nicht nur vom Leib der Bürger Roms fernbleiben, sondern auch schon von ihrer Wahrnehmung, ihren Augen und Ohren.“- Klar, dass die ersten Christen das Kreuz nicht zu ihrem Symbol machten und eher den Fisch als Logo verwendeten. Aber immer wurde mehr klar: Da steckt mehr dahinter, das Kreuz ist ein Schlüssel für das Verstehen von Jesus Christus, eine Lösung für unsere letzten Fragen.
Jesus Christus hat mit seinem Tod am Kreuz gezeigt, dass er zu seiner Verkündigung steht und auch vor der Konsequenz nicht davonläuft. Er ließ nicht andere für sich über die Klinge springen, er ist selber den Weg gegangen. Und: er ist letztlich doch nicht im Scheitern geblieben, er ist erhört und befreit worden, er zeigt, dass das Vertrauen in Gott immer trägt, das Gott auch im Schwärzesten bei uns. Auf die drängende Frage: Was kommt nach dem Tod? gibt der Gekreuzigte die Antwort: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“
Und deshalb ist das Kreuz zu dem Zeichen der Christen geworden, die sich damit zu ihrer Erlösung bekennen. Und das darf man auch herzeigen in aller Freiheit und Respekt vor anderen!
Die österreichischen Bischöfe forderten das bei ihrer letzten Konferenz in Michaelbeuern ein und schrieben dazu:
Religionsfreiheit bedeutet im Kern das Menschenrecht, die religiöse Überzeugung einzeln oder gemeinsam, sowohl privat als auch öffentlich auszuüben - diese positive Sicht der Religionsfreiheit muss auch in Zukunft garantiert sein.
Da Religion wesentlich Werte und Sinn einbringt, trägt sie zu jenen Voraussetzungen bei, von denen der demokratisch verfasste Staat lebt, ohne sie selbst erzeugen oder garantieren zu können. Der moderne Staat ist daher, um tatsächlich neutral und unparteiisch zu sein, bestens beraten, Religion nicht gesellschaftlich zu marginalisieren, sondern ihr einen entsprechenden Platz auch im öffentlichen Raum zu sichern.
Dem entspricht auch die in Österreich geltende Regelung, dass in jenen Schulen, in denen die Mehrheit der Schüler und Schülerinnen einem christlichen Bekenntnis angehört, in allen Klassenräumen ein Kreuz anzubringen ist. Hier ist das demokratische Mehrheitsprinzip leitend, keinesfalls geht es um Intoleranz.
Das Kreuz als das christliche Grundsymbol ist ein wesentlicher Teil der europäischen Kultur. Besonders religiöse Symbole haben es an sich, dass sie eine vielschichtige Bedeutung in sich tragen. Im Klassenzimmer wie im Gerichtssaal gibt es auch ungerechte Beurteilungen und Urteile - das Kreuz hält den Blick offen, dass solch menschliche Entscheidungen keine letzten und schon gar keine letztgültigen sind. Es entlastet und relativiert zugleich. Das Kreuz im Krankenzimmer, in dem sich oft unerbittlich die Sinnfrage stellt, steht als Garant einer letzten Hoffnung, denn beim Kreuz ist auch die Auferstehung. Für jeden Menschen aber wird durch dieses Kreuz deutlich, dass hier Menschen wirken, die sich unter Gott wissen und sich selbst nicht zum Maß der Dinge erheben. Auch für die Andersgläubigen kann sich so eine unausgesprochene gemeinsame Basis des Vertrauens ergeben, die für das Zusammenleben sehr wichtig ist.
Die Bohnen in der rechten Tasche
Die Bohnen in der rechten Tasche
Von einem Wüstenvater wird erzählt, dass er immer Bohnen in der linken Tasche seines Gewandes mit sich trug. Während des Tages nahm er dann und wann eine aus der linken Tasche und steckte sie in die rechte. Seine Schüler beobachteten diese seltsame Handlung und fragten ihn, warum er denn das tue. Immer dann, antwortete er, wenn er etwas Schönes erlebe oder etwas Gutes tue, nehme er eine Bohne aus der linken Tasche und gebe sie in die rechte. Am Abend nehme er die Bohnen aus der rechten Tasche und rufe sich noch einmal alles Schöne und Gute dankbar ins Gedächtnis, damit er es nicht vergesse.
- Wie steht es um unsere „Bohnen“ aus der rechten Tasche – die schönen und guten Erfahrungen eines Tages bzw. unseres Lebens? Wer sie dankbar in Erinnerung bewahrt, hat eine Quelle innerer Kraft und echter Freude. Die tägliche Gewissenserforschung könnte so eine ganz andere Richtung und einen ganz neuen Sinn bekommen. Auch durch diese Ereignisse kann uns Gott Zeichen und Orientierung geben. Gerade wenn ein neues Jahr begonnen hat, vieles vor uns steht und zu bewältigen ist, gilt es, diese inneren Ressourcen zu kennen und zu nutzen.
Er hat es mir ausrichten lassen
Er hat es mir ausrichten lassen
Weihnachten ist die Zeit Geschichten zu erzählen und in den oft einfachen Gedanken das Geheimnis herauszuspüren, das an diesem Fest zum Ausdruck kommt: Gott wird Mensch, er kommt als verletzbares Kind, von Anfang an mit dieser Welt mit ihren Höhen und Tiefen vertraut. Wenn Gott diese Art des Kommens wählt, zeigt er uns, dass er uns auch heute in unserer Welt begegnet – im Blick von Mensch zu Mensch, besonders in den Kindern. Es gibt Begegnungen, die dieses göttliche Dasein in unserem Leben erahnen lassen. In der Geschichte „Jakob malt ein Weihnachtsbild“ von L. Mayer-Skumanz kommt das zum Ausdruck:
Jakob zeichnet und malt für Weihnachten. Tante Helli wünscht sich ein Kripperl mit Jesuskind, Esel und Ochs. Onkel Fritz wünscht sich Hirten auf dem Weg nach Betlehem. Die Oma hätte gern einen Engel, der freundlich dreinschaut und "Fürchtet euch nicht" sagt. Jakob zeichnet eine Sprechblase vor den Mund des Engels und schreibt "Fürchtet euch nicht" hinein. Dann sagt er zu Katharina: "Jetzt habe ich für jeden ein schönes Geschenk!" "Nur für das Geburtstagskind noch nicht!" sagt Katharina. "Für Jesus." Er hat zu Weihnachten Geburtstag. Eigentlich müsste man IHM etwas schenken!" "Meinst du, er hätte Freude mit einem Bild?" fragt Jakob. "Wenn es sehr schön und bunt ist - warum nicht?" fragt Katharina. Jakob nimmt ein neues Zeichenblatt. Er zeichnet einen Christbaum mit vielen Kerzen und Kugeln und Zuckerln in Fransenpapier. "Ich helfe dir", sagt Katharina. Sie malt Tupfen und Sterne auf die Kugeln und um jede Kerze einen gelben Schein. "So", sagt sie. "Jetzt bring ihm das Geschenk! Bring´s ihm in die Kirche!" Jakob geht zur Kirche, aber das Tor ist verschlossen. Jakob steht auf der Straße und überlegt, was er tun soll. Das Christbaumbild flattert im Wind, Jakob muss es mit beiden Händen halten. Eine alte Frau bleibt neben ihm stehen. "So eine lustige, bunte Zeichnung!" sagt sie. "Das ist wohl ein Weihnachtsgeschenk?" "Ja", sagt Jakob. Und dann hält er der alten Frau die Zeichnung hin. "Ich schenk` sie Ihnen!" "Nein, so was!" ruft die alte Frau. "So eine Überraschung...danke..." Jakob rennt nach Hause. Katharina wartet schon auf ihn. "Na?" fragt Katharina. "Der Christbaum hat Jesus sehr gut gefallen", sagt Jakob. "Weißt du das bestimmt?" fragt Katharina. "Ja", sagt Jakob. "Er hat´s mir ausrichten lassen!"
Sie läuten auch für dich
Nach einem guten alten Brauch wird die Adventzeit mit allen Glocken eingeläutet. In Stadt und Land gibt das Geläut den guten Ton vor, unter dem die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten steht. Die Glocken laden uns zum Hören ein und bringen in uns etwas zum Klingen und Nachhallen. Sie verweisen zuerst auf den, für den sie läuten: auf Gott. Sie sind eine Erinnerung die Verbindung mit ihm zu spüren und aufzunehmen.
In der Geschichte haben die Glocken dann geläutet, wenn für die Mönche die Zeit zum Gebet gekommen ist, damit sie daran erinnert werden und damit auch die Leute der Umgebung eine Gebetspause einlegen. Drei Mal am Tag eine kurze Unterbrechung - das ist und bleibt ein ganz einfacher geistlicher Rat für ein gutes Leben.
Sehr viele Menschen kommen heute in die Klöster und klagen über die Beschleunigung des Lebens, über das Getriebensein des Alltags und über die Gefahr sich darin selbst zu verlieren.
Die Glocken geben da die einfache Botschaft: Ordne deinen Tag! Beginne den Tag, unterbrich ihn und beende ihn jeweils mit einem Gebet. Das können wir gerade in der Adventzeit mit dem „Engel des Herrn“ tun, mit den Psalmen, einem freien Gebet oder mit einem Augenblick der Stille.
Nicht, dass damit alles gelöst ist, aber es ist leichter zu tragen, wir sind offen für neue Einsichten, können Lasten abgeben. Die Welt werden wir nicht selber erlösen, aber die Glocken künden von einem Heil, das der Welt schon geschenkt ist, von einem Gott, der Mensch wird.
Glocken haben einen guten Klang und eine gute Botschaft. Sie sind eine Einladung zum Hören auf Gott, der leise zu uns spricht, in uns spricht, der uns innerlich anrührt und bewegt.
John Donne, ein englischer Lyriker, formulierte einen der wohl eindringlichsten Gedanken zur Glocke: „Verlange nie zu wissen, für wen die Glocke läutet; sie läutet für dich.“
Es ist mein Adventwunsch, dass Sie immer merken: die Glocken läuten auch für mich!
Abt Johannes Perkmann OSB
Der Vergleich macht Sie nicht sicher
Der Vergleich macht Sie nicht sicher
Immer wieder laufen sie uns über den Weg – die Promis und die Erfolgsmenschen, die Preisträger und die Spitzensportler, die Einserschüler und die Ausgezeichneten, die Heiligen und die Helden. Da drängt sich fast unwillkürlich der Vergleich zu uns selber auf. Und vergleichen wir uns selber nicht, dann vergleichen uns andere mit den jeweils Besseren und Erfolgreicheren. Das kann durchaus ein Ansporn und eine Motivation sein, oft ist es eine Quelle der Überforderung und Frustration. Wenn es Ihnen so geht, dann kann folgende Geschichte hilfreich sein:
Als es mit Rabbi Sussja ans Sterben kam, fragten ihn seine Anhänger und Freunde:„Hast Du denn gar keine Angst?“ Rabbi Sussja gab zur Antwort: „Wenn ich an all die Grossen und Bedeutenden denke: an Mose und Abraham und Jeremia, den Propheten, dann wird mir schon Angst. Aber ich bin gewiss: Gott wird mich in der kommenden Welt nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen, sondern: Warum bist du nicht Sussja gewesen! Warum warst du immer bloß mehr oder weniger dies, mehr oder weniger das, nur nicht, was dir bestimmt war: Sussja zu sein? Bloß Sussja – aber dies ganz!“
Auch wir werden einmal nicht gefragt, ob wir Hermann Maier oder Barak Obama, Brad Pitt oder Angelina Jolie, der hl. Franziskus oder Mutter Teresa oder wer auch immer waren, wir werden gefragt, ob wir der/die gewesen sind, der/die wir sind!
Gönnen wir uns wieder einmal einen Moment der Reflexion, wer wir sind, welchen Lebensauftrag wir haben und wie wir da unterwegs sind.
Wenn ein Vergleich uns sicher macht, dann der mit uns selber!
Freundschaft
Freundschaft
Mit Freunden durchs Leben zu gehen ist eine wohltuende menschliche Erfahrung. Jemand zu haben, der einem den Rücken stärkt, Verständnis zeigt und durch Humor das Leben bereichert, tut gut in aller Beanspruchung des Alltags.
Nicht zuletzt ist mit Freundschaft auch ein Moment der Spiritualität zu beschreiben. Eine lebendige Glaubensbeziehung kann durchaus als Freundschaft gesehen werden, als gute Beziehung und Weggemeinschaft mit Jesus Christus. Er selber sagt einmal: „Ich habe euch Freunde genannt.“ (Joh 15,15).
Bei den Mönchen von Taizé hat ein Bild der geistlichen Freundschaft eine besondere Bedeutung: Christus und Abt Menas, eine koptische Ikone aus dem 6./7. Jhdt.
Ein Bild, das zum Schauen anregt, ein Fenster zum Himmel, das den Betrachter mit einbeziehen will.
Christus legt die Hand über die Schulter des Menas und verkörpert damit die Evangeliumsstelle von der Freundschaft. Er geht mit, steht hinter seinem Freund, stärkt den Rücken, blickt in dieselbe Richtung. Da ist keine Herablassung, kein Zeigefinger, kein Kommando, kein unpersönliche Überzeugung - ein Freund geht mit. Auf Augenhöhe.
Christus hat das Evangelium in der Hand - keine Last, keine übergroßen Paragraphen, sondern ein leichtes Joch, zugleich Herausforderung, Maßstab und Inspirationsquelle für seine Freunde.
Die Freundschaft zwischen Christus und uns ist ganz ähnlich wie die Freundschaft zwischen Menschen. Sie schenkt Vertrauen und Freude. Sie wächst über Jahre. Sie bedarf des Geschenkes der Zeit, die täglich für die Freundschaft zu reservieren ist. Sie teilt alles miteinander. Sie bewährt sich gerade in der Not. Und diese Freundschaft ist ein Geschenk, sein Geschenk an alle, die glauben und glauben lernen.
Möge dieses Bild uns zum Denken anregen!
Ruhe nach dem Sturm
Ruhe nach dem Sturm
Endlich einmal Ruhe finden – das ist ein Wunsch vieler für die Ferien. Nach der Hektik der letzten Schul- und Arbeitswochen, nach dem Gewirr der vielen Meinungen und dem Lärm unserer Zeit einige Augenblicke der Stille zu genießen ist ein Geschenk und eine Notwendigkeit, um wieder Kräfte zu sammeln, einen Überblick und Abstand zu bekommen und neue Aufgaben anzunehmen. Die Ruhe hilft uns zu uns selber zu kommen, den Mitmenschen in den Blick zu nehmen und die Dinge zu erkennen, die wirklich wichtig sind.
In unsere Region ließ uns die Wetterlage nicht so schnell zur Ruhe kommen. Im Gegenteil, das schwere Hagelunwetter sorgte für neue Aufregung, Unruhe und viel Arbeit. Die massiven Zerstörungen gehen bei vielen an die Substanz und stellen ein Übermaß an neuen Sorgen dar. Nun ist nach einer Woche viel geschehen, da und dort gibt es positive Zeichen zu sehen: Die große Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die vielen Stunden der Einsatzkräfte und die Unterstützung von außen haben geholfen die Krise zu meistern. Und nach all den Aufregungen ist wieder ein Anflug von Normalität zu spüren. Ob wir jetzt zur Ruhe kommen können? Und wie geht das eigentlich?
Bischof Stecher erzählt in seinem lesenswerten Buch „Werte im Wandel“ von einem Interview mit der Stille. Darin schreibt er von einfachen Dingen, die uns zur Ruhe kommen lassen: ein Spaziergang am Meer, eine Rast auf einem ruhigen Berggipfel oder auf einer Parkbank, ein Sonnenuntergang, das Spazieren im Wald oder das Betrachten einer Blume. Auch beim Besichtigen schöner Räume, beim Betrachten der Kunst und beim Beschäftigen mit Literatur ist eine Tür zur Stille zu finden. Diese Stille lässt erahnen, was hinter der Oberfläche der Dinge, dem Vordergründigen und allen Aufregungen steht.
Ich wünsche Ihnen – trotz allem – im heurigen Sommer einige Momente dieser Stille und der echten Ruhe!
Handy
Als er in den Urlaub fuhr, gab er auf der Autobahn letzte Anweisungen für den Betrieb während seiner Abwesenheit.
In der Urlaubspension angekommen, läutete ihn der Stellvertreter an.
Täglich holte er sich Situationsberichte vom Betrieb.
Das Rauschen des Meeres vermischte sich mit dem Piepston seines Handys. So vergingen die Tage, er bekam viele Anrufe - aber den Anruf der Stille überhörte er.
" Mit Feuer, Pater!"
„Mit Feuer, Pater!“
In diesen Tagen vor Pfingsten steht Michaelbeuern ganz im Zeichen der Schulpartnerschaft mit Ghana. Trommelklänge, bunte Gewänder und vor allem viele fröhliche Gesichter bereichern unser Kloster und unsere Schule. Die Gastschüler, die sich bei uns sehr wohl fühlen, wirken hier nicht nur im großen Afrika-Musical mit, sondern sind voll ins Schulleben und auch in den Gottesdienst integriert. Als ich unsere ghanaischen Gäste fragte, wie sie ihren Beitrag bei der Sonntagsmesse gestalten werden, antwortete eine von ihnen: „With fire, father!“ - „Mit Feuer, Vater!“ Und davon konnten sich dann auch alle Messbesucher überzeugen. Feuer und Begeisterung lagen im Feiern, in der Begegnung und im lebendigen Austausch der jungen Menschen untereinander auch über den Gottesdienst hinaus.
Feuer ist ein Bild für den Hl. Geistes, weil es ausdrückt, dass der Geist Energie von innen her gibt, Wärme und Licht, die von Gott kommen und unser Leben reich machen. Dieses Feuer der Glaubensbegeisterung lässt zu allen Zeiten die Menschen in der Gemeinschaft der weltweiten Kirche zusammenfinden.
Ein Blick auf die Apostelgeschichte zeigt, dass der Heilige Geist der Antreiber der Entwicklung der jungen Kirche war. Er führte unterschiedliche Völker und Nationen zusammen, lehrte Verständigung und Vertrauen auf einen Vater im Himmel, der für alle Menschen da ist, der heilt, versöhnt und in Frieden und Freundschaft leben lässt. Das mag jetzt alles gar nicht so sensationell klingen, aber wenn es sich konkret ereignet, dann ist es jedes Mal eine tiefe Erfahrung, vielleicht so gar ein Wunder.
Zu allen Zeiten gab es vom Geist erfüllte Christen, die mit innerem Feuer ihren Glauben gelebt und weitergeben haben. Das war auch beim hl. Paulus so, dem heuer ein besonderes Gedenkjahr gewidmet ist. Er war tausende Kilometer unterwegs, um das Evangelium in alle Welt zu tragen und von seiner Christuserfahrung mit Begeisterung Zeugnis zu geben. Nach ihm haben sich Ungezählte darum bemüht. Eine weltweite Kirche ist entstanden, viele Brücken wurden geschlagen und Gemeinsamkeiten möglich. Eine davon ist unser Ghana-Projekt. Vor 14 Jahren hat sie unser P. Prior Paulus initiiert und mit viel Einsatz immer wieder Akzente gesetzt. Briefpartnerschaften, Besuche in Ghana, Gebet füreinander, Spendenaktionen, Schul- und Kapellenbauten, Stipendien und vieles mehr wurden möglich. Vor allem aber sind Freundschaften und ein Miteinander entstanden, auf dem ein Segen liegt. Höhepunkt war nun der Besuch von 14 Schülern und Lehrern anlässlich des Musicalprojektes, bei dem für über 3000 Besucher diese Begeisterung bei allen spürbar war.
Nachdenklich machte mich nur eine Frage unserer ghanaischen Gäste: „Wo sind bei euch die Kinder im Gottesdienst?“ In Ghana sind die Kirchen voller jungen Leute – wo sind sie bei uns? Wir werden uns alle in Zukunft besonders anstrengen müssen, um Kindern Gott nicht vorzuenthalten, um ihnen genug Raum zu geben. Das geht nur, wenn das Feuer des Geistes in uns brennt und in unseren Gottesdiensten spürbar wird, wenn Lichtblitze dieses Geistes sichtbar werden und die Glut des persönlichen Glaubens wieder angefacht wird.
Pfingsten macht uns bewusst, dass wir über unseren Kirchturm hinausdenken und die weltweite Verbindung leben können. Pfingsten macht uns aber auch bewusst, dass in uns allen das Feuer des Geistes wirkt und unsere eigenen Gottesdienste mit Geist gefeiert werden: d.h. mit Begeisterung. Ob uns das gelingt?
Yes, he can!
Yes, he can!
„Yes we can!“ – so lautet eine in letzter Zeit oft strapazierte Phrase, die den Wahlkampf und auch so manche Rede des neuen amerikanischen Präsidenten prägt. Es wird wohl auch richtig sein gerade in einer Zeit der Krise und des Umbruchs sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, Visionen zu haben und etwas für ihre praktische Verwirklichung zu tun.
Und dann gibt es aber Herausforderungen und Fragestellungen, die etwas tiefer gehen und nicht so leicht mit dem Appell an das eigene Können zu beantworten sind. Ob das Ganze wirklich einen Sinn hat, ob es sich lohnt, immer wieder zu beginnen, ob wir dem Leben trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge wirklich trauen können, ob es eine Motivation gibt, wenn alle Muntermacherphrasen verbraucht sind …- da stoßen wir bald an die Grenzen eigener Machbarkeit. Das gilt gerade auch dann, wenn wir mit dem Tod konfrontiert sind, mit der Endlichkeit der Welt und unseres eigenen Lebens. Da braucht es eine größere Hoffnung, eine größere Lösung, eine starke innere Motivation.
Zu Ostern wird uns wieder die unglaubliche Botschaft verkündet, dass diese Fragen beantwortet sind, weil einer den Weg der Wandlung, den Weg vom Tod in das Leben gegangen ist. Da gibt es einen, der es wirklich schafft das Leben in Fülle zu leben und eine unzerstörbare Hoffnung zu bringen. In Anlehnung an den aktuellen Sprachgebrauch könnte man das auch so sagen: „Yes, he can – and he did it!“
Die Auferstehung ist eine unglaubliche Hoffnung, eine Perspektive, die aufatmen lässt. Glücklich sind alle, die das glauben dürfen! Sie werden anders leben, Lebendigkeit spüren und weitergeben, eine Hoffnung finden, die unbezahlbar und unmachbar ist.
In diesem Sinne ein gesegnetes Fest des Lebens und ein echtes Vertrauen in Gott, der jedem Leben ein Ja verspricht und das auch halten kann!
Hoffnung
Hoffnung ist nicht dasselbe wie die Freude darüber, dass sich die Dinge gut entwickeln. Sie ist auch nicht die Bereitschaft, in Unternehmen zu investieren, deren Erfolg in naher Zukunft absehbar ist. Hoffnung ist vielmehr die Fähigkeit, für das Gelingen einer Sache zu arbeiten.
Hoffnung ist auch nicht dasselbe wie Optimismus. Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas klappen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas seinen guten Sinn hat - egal, wie es am Ende ausgehen wird.
Diese Hoffnung alleine ist es, die uns die Kraft gibt zu leben und immer wieder Neues zu wagen, selbst unter Bedingungen, die uns vollkommen hoffnungslos erscheinen.
Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften, indem wir es leer und hohl, ohne Sinn, ohne Liebe und letztlich ohne Hoffnung verstreichen lassen.
Vaclav Havel
10 000 Dinge
10 000 Dinge
Auf gut 10.000 Dinge bringt es ein durchschnittlicher Haushalt in unserer westlichen Welt, in der oberen Mittelschicht können es leicht 25.000 Gegenstände werden. So rechnet der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx vor, um dann auf die Folgen hinzuweisen:
- die Dinge fressen unsere Aufmerksamkeit,
- sie belasten die Beziehungen
- und verlangsamen das Leben.
Immer mehr haben zu wollen, das fasziniert und zieht Menschen nicht nur bei Werbesendungen und Gewinnspielen in den Bann. Die Gier nach immer mehr Rendite endet – wie die derzeitige Weltlage zeigt – im globalen Desaster mit starken privaten Folgen.
Wie ist das in den Griff zu bekommen, wie ist hier wieder ein gesundes Maß zu finden?
Bei den Mönchen gibt es dazu ein gute Übung: Am Beginn der Fastenzeit wird Inventur gemacht. Dabei schreiben die einzelnen alle Gegenstände und Werte auf, die ihnen anvertraut sind. Gleichzeitig wird kritisch gesichtet, geordnet und ausgemistet. Platz machen für Neues, Altes gut verwahren oder weitergeben, Unnützes aussondern – das hilft, dass einem die Dinge nicht über den Kopf wachsen, dass Platz für das Wesentliche ist und im guten Maß Raum bleibt für die wesentlichen Beziehungen – zu mir selber, zum Nächsten und zu Gott.
Wer jetzt einmal durch die eigene Wohnung geht, kann es selber ausprobieren:
Da ist ein Erinnerungsgegenstand, der zum Nachdenken einlädt und entstaubt viel besser ausschaut, dort ein altes Buch, das dem Neffen eine Freude machen würde, oder der Pullover, der bei der Caritas wohl besser aufgehoben ist und die alten Zeitungen, die schon lange entsorgt gehören….
Fasten heißt ganz praktisch wieder etwas freier werden, damit die Seele atmen kann.
„Die Menschen lieben und die Dinge benutzen. Falsch wird es erst, wenn es umgekehrt geht.“ (Spruchweisheit)
Mit voller Power!
Mit voller Kraft für die Frohbotschaft – so war der hl. Paulus in den Anfangszeiten des Christentums unterwegs. Weltbekannt ist er bis heute - als der Briefeschreiber des Neuen Testaments, als Missionar, als Gemeindegründer und –vernetzer, als Brückenbauer und Übersetzer zwischen Kulturen, Sprachen und Nationen. Und beeindruckende Fakten weiß man von ihm zu berichten: ca. 7800 km legte er zu Fuß zurück, 9000 km per Schiff, um das Evangelium zu verkünden. Dreimal erlitt er Schiffbruch, fünfmal die neununddreißig Hiebe, dreimal wurde er ausgepeitscht, einmal gesteinigt – nichts für schwache Nerven.
Er hat das alles auf sich genommen, weil er erkannte, welche Kraft in der Botschaft Jesu liegt, welche Hoffnung, die Juden und Heiden verbindet, die zugänglich ist für alle Menschen guten Willens. Zeitlebens war er überzeugt, einem neuen Weg entsprechend dem Gott der Väter zu dienen und die Auferstehung für alle zu verkünden (vgl. Apg 24, 14f). Dafür hat er Mühen und Strapazen, Ablehnung und Widerstände, Unverständnis und Unterstellungen ertragen und nicht aufgegeben. Und was der sich getraut hat! - Einen ganz neuen Weg zu gehen, Gesetze zu verstehen und auf das Wesentliche zurückzuführen, die Basics zu formulieren, mutig Entscheidungen zu treffen und Freiheit zuzulassen, wie etwa auf dem Apostelkonzil (vgl. Apg 15). Was wäre aus dem Christentum geworden, wenn damals nur rückwärts geblickt, starr am Wortlaut festgehalten oder Ängstlichkeit über christliche Freiheit gesiegt hätte? Es wäre eine kleine, unbedeutende Gruppe geblieben, die den Geist und den Auftrag Jesu nicht verstanden und weiter getragen hätte.
Woher Paulus seine Kraft hatte, das alles voranzutreiben und auszuhalten?
In seiner Berufung ist ihm aufgegangen, worauf es ankommt: auf die lebendige Erfahrung des Auferstandenen, auf das Licht, das von Gott kommt und auf die Stimme, die jeder/m einen unverwechselbaren Weg weist. Paulus hat den Schritt von der Religion des Befolgens von Gesetzen und Bräuchen, von Denken und Sollen zu dem getan, was Glauben im Innersten ist: Begegnung und Vertrauen. Immer wieder klingt das in seinen Briefen an, was für ihn wesentlich ist: Die Liebe, die in Jesus Christus greifbar wird, die wir erfahren und in Wort und Tat weitergeben.
So schreibt er in Röm 8,38f: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Und in 1 Kor 13, 1f: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. … Die Liebe hört niemals auf.
Wer dem Paulus auf die Spur, oder besser mit Paulus auf die Spur echter Lebenskraft kommen will, der braucht ihn nur zu lesen und auf den zu vertrauen, der ihn berufen hat. Denn: volle Power ist auch heute nötig, um zukunftsfähig in der Kirche und für die Welt zu wirken.
Gebet im Paulusjahr
Herr, Vater des Erbarmens
und Gott allen Trostes,
Du hast uns den Apostel Paulus geschenkt.
Durch sein Wort und seine Stimme
hast Du allen Völkern das Geheimnis
Deiner Liebe verkündet:
Dass Dir unseretwegen kein Weg zu weit ist;
Dass Du jeden Menschen
in seinem Menschsein annimmst
und durch die Kraft des Kreuzes
Tag für Tag zum Leben führst.
Weihnachten
„Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden…“ heißt es im Evangelium am Christtag.
Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie diese Botschaft auch am heurigen Weihnachtsfest innerlich erreicht, dass Sie aus dem Vertrauen leben können, zur großen, erlösten Menschheitsfamilie zu gehören, für die der Gottessohn Mensch geworden ist.
Eine weihnachtliche Erfahrung möchte ich Ihnen zum Nachdenken mitgeben, die ich bei Eric Emanuel Schmitt („Mein Leben mit Mozart“) gefunden habe:
Bei einem Weihnachtseinkauf ist der Autor mit kalten Füßen unterwegs, angestrengt und etwas genervt. Im Kopf geht er die Gästeliste durch und fragt sich immer ob er das Richtige gekauft hat, ob er mit dem Vorjahresessen mithalten kann, ob es ihm genauso gut gelingen wird wie den anderen … .
Da geschah es plötzlich: er hört Musik, nicht Berieselung, sondern leise erhebt sich ein immer stärker werdender Gesang. Er dreht sich um, er muss stehen bleiben - und dann steht er da - mit offenem Mund und mit Tränen in den Augen.
Er hört das Ave verum[1] von Mozart. Die alten Gesichter der Sänger, der Hauch der Kälte, die gotische Kathedrale im Hintergrund mit ihren Skulpturen, die Sterne am dunklen Himmel, das alles passt für ihn plötzlich zusammen, Klang und Bild öffnen die Tür für ein ganz andere Dimension, zu der die Melodie ein unsichtbares Band knüpft.
Die sanfte und eindringlich Melodie fordert ihn unerbittlich auf Rede und Antwort zu stehen: Warum feierst du Weihnachten? Warum gibst du soviel Geld aus, warum bildest du dir ein Gutes zu tun? Warum willst du selbstzufrieden den Egoismus des Jahres übertünchen, den Seelenfrieden erkaufen? Und was ist das angesichts der Geburt eines Gottes, der von Liebe spricht, diese Liebe zeigt bis zur Hingabe, der lebt, der ist?
Und er schließt: „Ob Gott existiert noch nicht zu sagen, aber dass der Mensch existiert, wert ist zu existieren, das schon.“
Abt Johannes Perkmann OSB
[1] Ave, verum corpus, natum de Maria virgine, vere passum, immolatum incruce pro homine,cujus latus perforatum unda fluxit et sanguine; esto nobis praegustatum in mortis examine! Sei gegrüßt, wahrer Leib, geboren von der Jungfrau Maria. Du hast wahrhaft gelitten und wurdest für die Menschheit am Kreuz geopfert. Wasser und Blut floß aus deiner Seite, als man sie durchstach. Sei uns Trost in der Prüfungsstunde des Todes. Nach Johann Scheffler (Angelus Silesius, 1624-1677)
Der Advent der kleinen Schritte
Wohl kaum eine Zeit im Jahreskreis weckt so viel Sehnsucht und ruft so tiefe Erinnerungen wach wie der Advent. Die Botschaft von Gott, der in unsere Welt kommt, der Mensch wird und das Leben bis in die Armut hinein teilt, berührt und inspiriert immer wieder. Dieses Geheimnis verbindet Himmel und Erde und bringt auch die Menschen untereinander zusammen. Und das ist unendlich mehr als die idyllischen Teekannen-Spots und die anderen X-mas Werbungen erzählen, bei denen alle so glücklich und zufrieden scheinen, wenn sie nur die richtigen Dinge anhäufen.
Wer zu Weihnachten das Wesentliche - nämlich Gottes Menschwerdung - feiern will, der braucht eine gute Zeit der Vorbereitung, einen Advent, der wirklich eine Zeit der Einstimmung und Besinnung wird. Und gerade da spüren viele wie schwer es ist Anspruch und Wirklichkeit, Vorsätze und Praxis zusammenzubringen.
In einer Adventpredigt schreibt der hl. Bernhard von Clairvaux dazu etwas Wegweisendes:
„Du, Mensch, brauchst kein Meer zu überqueren, keine Wolken zu durchdringen oder die Alpen zu überschreiten. Du brauchst keinen weiten Weg zu machen, sage ich. Geh deinem Gott entgegen bis zu dir selbst. Denn das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“
Wenn es um Gottes Kommen geht, dann braucht es nicht die außergewöhnlichen Leistungen, die maximalen Erwartungen und Vorsätze, die uns nur überfordern und stressen, sondern die kleinen Schritte.
Das heißt zum Beispiel: Nicht über das Schreiben hunderter Weihnachtskarten zu stöhnen, sondern sich für ein paar persönliche Briefe Zeit zu nehmen. Nicht davon zu reden, wie viele man eigentlich besuchen müsste, sondern vielleicht nur ein paar auszuwählen, besonders die Einsamen und Kranken, die schon lange darauf gewartet haben.
Wenn es um Gottes Kommen geht, dann geht es aber auch um mich selber. Im Advent brauche ich nicht „außer mir zu sein“ oder „aus dem Häusl zu sein“. Im Gegenteil, ich darf bei mir selber zuhause sein. Auch in mein Leben mit seinen Botschaften, Aufträgen, Gefühlen und Gedanken, kommt Gott. Deshalb gibt es keinen Advent ohne dieses Zuhauseseinkönnen bei mir selber, das Alleinseinkönnen, das Nachdenken und Hören auf die Stille vereint. Sonst rennt man alle möglichen Wege, den entscheidenden verpasst man - den Weg zu Gott, der mir bis in mein Inneres entgegenkommt.
Deshalb: Nicht jammern, dass keine Zeit zur Besinnung bleibt. Eher die „Jammerzeit“ umwidmen in einige Momente der Stille und des Gebetes, etwas bei einem kurzen Halt in einer stillen Kirche. Nicht nur erzählen, wie schön früher die Rorate Messen waren, sondern wenigstens eine mitfeiern.
Wenn es um Gottes Kommen geht, dann geht es schließlich vor allem um sein Wort, das Mensch wird. Die vielen Geschichten, Lieder und Texte, die wir in dieser Zeit hören, sind inspiriert von der biblischen Grundlage, ja, sie rufen gerade danach, auch im „Original“ nachgeblättert zu werden.
Also: Nicht auf das nächste Illustrierte zu warten, welche die „neuesten“ biblischen Erkenntnisse berichtet (sensationell pünktlich zu Weihnachten), sondern die prophetische Botschaft eines Jesaja oder die Kindheitsgeschichte des Lukas näher zu betrachten. Nicht gleich alles auf einmal samt dicken Kommentaren lesen zu wollen und dann erst recht wegzulegen, sondern einfach die Tageslesungen zu betrachten
Der Advent der kleinen Schritte ist mir wertvoller als der Advent der großen Vorsätze und des schlechten Gewissens. Und wenn es mir nur in einem kleinen Schritt klarer wird, was es heißt, dass Gott nahe ist, bin ich schon auf dem richtigen Weg. Und wenn uns Gott nahe ist - wer könnte dann den Kopf hängen lassen, wer könnte da nicht mit Hoffnung auf das eigene Leben und auf die Welt schauen?